Kirchheimer Umland

Das Runde muss zum Eckigen behauen werden

Zimmerleute führen historische Handwerkstechniken vor und machen damit ihre Arbeit zu einer Art „offenem Denkmal“

Ein besonderes „offenes Denkmal“ präsentierte die Zimmerer-Innung Esslingen-Nürtingen am gestrigen Sonntag vor dem Kirchheimer Kornhaus: Unter schweißtreibenden Axthieben zeigten Zimmerleute ihr Handwerk, das unter anderem bei der Sanierung vieler Baudenkmäler gefragt ist.

Der Kirchheimer Zimmermann Andreas Banzhaf (an der Axt) zeigte zum Tag des offenen Denkmals gemeinsam mit seinen Kollegen, mit w
Der Kirchheimer Zimmermann Andreas Banzhaf (an der Axt) zeigte zum Tag des offenen Denkmals gemeinsam mit seinen Kollegen, mit wie großen Mühen seine Zunft einstmals ans Werk gehen musste, um aus einem runden Stamm einen eckigen Balken zu machen. Foto: Genio Silviani

Kirchheim. Generell ging es der Zimmerer-Innung im Landkreis darum, Werbung für ihren Beruf zu machen. Speziell aber informierten die traditionsbewussten Handwerker über eine besondere Sparte ihres Tuns, für die es eigens einen Verband der Restauratoren im Zimmererhandwerk gibt. Gerade in einer Fachwerkstadt wie Kirchheim sind Zimmerleute gefragt, wenn es darum geht, altes Fachwerk zu sanieren.

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Wer in diesem Bereich tätig sein will, erhält eine Zusatzausbildung als Restaurator und lernt dabei auch alte Techniken kennen. Gestern nun zeigten kräftige Handwerker, darunter der Kirchheimer Stadtrat Andreas Banzhaf, wie aus einem runden Stamm ein gebrauchsfertiger Balken mit Ecken und Kanten wird: Mit der Axt werden zunächst Kerben in den Stamm geschlagen, um einerseits die Langholzfaser zu unterbrechen und andererseits die notwendige Bearbeitungstiefe vorzugeben. Anschließend kommt die Spaltaxt zum Einsatz, um den Großteil des überflüssigen Holzes vom Stamm zu entfernen. Schließlich erfolgt noch die Feinarbeit mit Breitbeilen, mit deren Hilfe der Stamm geglättet wird.

Dem Fichtenstamm, den Andreas Banzhaf und sein Team gestern bearbeiteten, wird freilich nicht die Ehre zuteil, in irgendeinem Baudenkmal einen alten Balken zu ersetzen. Dafür sei die Fichte nicht geeignet, berichtete Andreas Banzhaf. Normalerweise werden Eichenstämme fürs Fachwerk benutzt. Aber für ihre Demonstrationszwecke taten sich die Zimmerleute mit der Fichte leichter – obwohl alle Zuschauer feststellen konnten, dass auch die Arbeit an der Fichte mühsam genug ist.

Moderne Technik ist auch in diesem Fall ein Segen: Die Eichenstämme werden heutzutage längst maschinell zu Balken verarbeitet. Von Hand werden sie allenfalls noch so weit bearbeitet, dass sie nicht zu glatt und damit zu perfekt aussehen. Schließlich muss ein neuer Balken optisch dazupassen, wenn er sich unter jahrhundertealte „Kollegen“ mischen soll.

Die Arbeit am Fichtenstamm war gestern nicht nur mühsam, sondern auch in jeder Hinsicht umsonst. „Der Balken wird am Ende wohl nur als Brennholz dienen“, stellte Andreas Banzhaf ohne allzu großes Bedauern fest. Warum aber macht man sich dann im 21. Jahrhundert überhaupt die Mühe, einen Stamm so langwierig und ausdauernd zu behauen? Andreas Banzhaf weiß darauf eine einfache und klare Antwort: „Es geht darum, die Grundlagen des Handwerks zu verstehen. Nur wenn man das mal selber ausprobiert hat, weiß man, warum das jahrhundertelang genau so gemacht wurde.“ Auf diese Art und Weise sollen die Auszubildenden auch eine gewisse Ehrfurcht vor dem Denkmal vermittelt bekommen, vor den alten Materialien und vor den Altvorderen, die das Holz einst unter großen Mühen bearbeiteten.

Und so schließt sich der Kreis, den die Besucher zum Tag des Denkmals rund um das Kornhaus ziehen konnten: Hinter dem Museumsgebäude nämlich präsentierte sich die Martinskirche – ein Baudenkmal, bei dem in Bälde eine weitere Sanierungsphase ansteht. Und am Max-Eyth-Haus zeigte der Verein „Historische Dampftechnik“, wie vor über hundert Jahren mit damals modernster Technik die Landwirtschaft revolutioniert wurde. Auch hier gilt es, die Mühen nachzuvollziehen, mit denen einst die Scholle beackert werden musste.