Kirchheimer Umland

„Das sind zwei verschiedene Welten“

Literatur Bei der Frauenlesenacht in der Kirchheimer Stadtbücherei erhalten Interessierte Einblicke in ganz verschiedene Kulturen. Von Melissa Seitz

Als Maria Hughes ihre Geschichte erzählt, hängen die Zuhörer förmlich an ihren Lippen.Foto: Tanja Spindler
Als Maria Hughes ihre Geschichte erzählt, hängen die Zuhörer förmlich an ihren Lippen.Foto: Tanja Spindler

Es ist Zeit sich zu entscheiden. Auf einem Stuhl am Eingangsbereich der Stadtbücherei Kirchheim wartet Maria Hughes. Sie hat die Beine übereinander geschlagen, ein Lächeln auf den Lippen und einen kleinen Zettel in der Hand. Hinter ihr hängt eine Flagge von Kalifornien. Ganz klar, die kleine Frau mit der positiven Ausstrahlung spricht über die USA. Das könnte man zumindest denken. Die Amerikanerin mit mexikanischen Wurzeln hat ihr Herz jedoch an Indien verloren, wohnt aber in Bissingen. Das ist eine Geschichte, die Neugier weckt. Eine Geschichte, die sich perfekt für die Frauenlesenacht eignet.

Maria Hughes hat das getan, wovon viele träumen. Sie hat ihr Hab und Gut verkauft, ihren Rucksack gepackt und ist in ein fremdes Land gezogen - ohne Plan, ohne Verpflichtungen. Die Zitate, die sie bei der Frauenlesenacht vorliest, spiegeln ihre Abenteuerlust wider - „explore, dream, discover“ von Mark Twain zum Beispiel.

„Du musst tanzen und singen“

„Von den USA hab ich nicht so viel Schönes zu erzählen“, sagt sie, „Ich bin so schnell es ging weggerannt.“ Und zwar nach Indien, in einen Ashram, ein klosterähnliches Meditationszentrum. Während Maria Hughes in den USA nur schlechte Erfahrungen mit dem Gesundheitssystem machte, riet ihr ein ayurvedischer Arzt: „Maria, du musst singen und tanzen - und weniger reden.“ Und es funktionierte: Die Amerikanerin war zufrieden mit ihrem Leben.

Doch wieso wohnt sie dann heute nicht in Indien, sondern in Bissingen? Schuld daran ist ihr Mann. „Ich wollte zum Ursprung des Ganges laufen. Auf dem Weg ist mir ein deutscher blonder Mann begegnet. Mit ihm zusammen bin ich weitergewandert“, erzählt Maria Hughes. Die Frauen lachen und nicken verständnisvoll. Wer könnte dazu schon Nein sagen?

An Liebe haben die beiden währen ihrer Zeit in Indien nicht gedacht. „Erst als ich ihn dann zum Flughafen gebracht habe, hab ich gemerkt: Den Mann muss ich haben. Ihm ging es genauso“, erinnert sie sich. Und dann ging alles Schlag auf Schlag: Eine Hochzeit in Kalifornien, schwanger nach der Hochzeitsnacht und der Umzug nach Deutschland - in das beschauliche Bissingen. In der Seegemeinde, aber auch in Kirchheim, gibt Maria Hughes jetzt Yoga-Unterricht.

Fünfundvierzig Minuten gehen vorbei wie im Flug, das Signal ertönt. Es ist Zeit, sich eine neue Leseecke zu suchen. Ein Stockwerk höher, zwischen zahlreichen Bücherregalen, sitzt Daniela Torsello. Mit ihrem Finger zeigt sie auf einen kleinen Punkt im Süden Italiens. „Hier komme ich her. Das ist Sicignano degli Alburni“, sagt sie. Zur Frauenlesenacht hat die Italienerin eine Geschichte aus ihrem Dorf mitgebracht. Als Daniela Torsello auf Italienisch beginnt vorzulesen, ist es mucksmäuschenstill. Die Zuhörerinnen lauschen dem Klang der Sprache, auch wenn die meisten kaum etwas verstehen. „Die Geschichte handelt von wahrer Liebe und Selbstmord“, erklärt die Italienerin. Die Frauen sind erstaunt: Was so schön klingt, kann doch so eine traurige Geschichte erzählen.

„In Italien ist mein Herz“

Sicignano degli Alburni hat mehr zu bieten als nur alte Sagen: „Jedes Jahr veranstalten wir ein Esskastanien-Fest“, erklärt Daniela Torsello. Denn das kleine Dorf in Kampanien ist bekannt für Maronen. Die liegen übrigens neben ihr auf einem kleinen Tisch. „Aber die hier sind vom Markt“, gesteht die Süditalienerin und grinst. Wenn Daniela Torsello von „ihrer“ Heimat redet, funkeln ihre Augen, denn sie gibt ganz offen zu: „In Italien ist mein Herz.“

Seit zehn Jahren wohnt sie in Kirchheim, der Liebe wegen ist sie in die Teckstadt gezogen. Trotzdem nimmt sie zweimal im Jahr die vierzehnstündige Fahrt auf sich und besucht ihre Familie. „Das sind zwei verschiedene Welten“, sagt Daniela Torsello. In Sicignano degli Alburni gibt es noch viele Hausfrauen, hauptsächlich gehen dort nur Männer zur Arbeit. Die Jugend zieht weg zum Studieren. In Deutschland erlebt sie genau das Gegenteil: „Die Frauen hier sind selbstständiger und gehen ihren Weg.“

„Man muss immer Augen und Ohren offen haben“

Die Frauenlesenacht spricht sich rum. „Dieses Jahr war es einfach, Frauen zu finden, die aus ihrem Leben erzählen wollen“, sagt Sabine Stoll vom Pädagoginnentreff Kirchheim. Manche sind das Jahr zuvor als Besucherin da gewesen, andere konnten die Sozialpädagoginnen durch Kontakte gewinnen: „Man muss immer Augen und Ohren offen haben.“

Das Frausein steht oft im Fokus. „Die Gäste finden es immer interessant zu hören, wie Frauen anderswo auf der Welt leben“, weiß Sabine Stoll. Oft gehen die Gespräche dann in die Tiefe, und sowohl die Vorleserinnen als auch die Gäste erzählen private Details aus ihrem Leben. „Es ist immer spannend zu beobachten, was dabei rauskommt“, erzählt sie.

Seit 30 Jahren gibt es den Pädagoginnentreff. Er ist ein offenes und unabhängiges Vernetzungsgremium, an dem Sozialpädagoginnen sozialer Einrichtungen aus Kirchheim und Umgebung teilnehmen. Sie setzen sich unter anderem für Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen ein und nehmen die gesellschaftliche Situation unter die Lupe.sei

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