Kirchheimer Umland

„Das tut doch gut, oder?“

„Hagios – Gesungenes Gebet“ in der Kirchheimer Martinskirche: Wenn ein Konzert zur Andacht wird

„Wer singt, betet doppelt“, soll Kirchenvater Augustinus gesagt haben. Das taten in der Kirchheimer Martinskirche, gemeinsam mit dem Musiker Helge Burggrabe, rund 250 Menschen. Es gab nicht nur, wie sonst oft bei Konzerten, ein oder zwei Mitsinglieder: Das ganze Konzert war zum Mitsingen.

Gotteshäuser zum Klingen bringen will der Musiker Helge Burggrabe. Das ist ihm in der Martinskirche mit rund 250 Sängern gelunge
Gotteshäuser zum Klingen bringen will der Musiker Helge Burggrabe. Das ist ihm in der Martinskirche mit rund 250 Sängern gelungen.Fotos: Markus Brändli

Kirchheim. Große Sakralbauten zum Klingen zu bringen, ist ein großer Wunsch von Helge Burggrabe, der an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg studiert hat. Seine Werke erklangen im Kölner und Hildesheimer Dom, in der Dresdner Frauenkirche, im Berner Münster und im Pantheon in Rom. Dass „Hagios – Gesungenes Gebet“ nun in der Kirchheimer Martinskirche erklang, lag am früheren Kirchengemeinderat Willi Kamphausen. Er hatte Burggrabes Gebetsgesänge in der Kathedrale von Chartres erlebt und sich vorgenommen, den Künstler einmal einzuladen. So kam Hagios – Griechisch für „heilig“ – vom Deutschen Evangelischen Kirchentag in Stuttgart nach Kirchheim.

Man solle, sagte Burggrabe, nicht möglichst viele Lieder singen, sondern lieber weniger und so innig, dass sie zum Gebet werden. So kam das zweistündige Konzert mit ganzen sieben Liedern aus, zuzüglich einem Flötenvorspiel. „Mein Traum wird wahr, dass dies kein Konzert mehr ist, sondern eine Andacht“, so der Künstler. Am besten sei es, wenn er überflüssig werde, sich einfach in die Reihe der anderen Sänger einreihen könne, meinte Burggrabe.

Das ging dann doch nicht, irgendjemand musste den großen Chor ja anleiten. Zu Beginn tat Burggrabe das so, wie es jeder gute Chorleiter macht. Er bat alle, sich vorzustellen, sie seien ein altes Cello, das vom Dachboden komme und erst einmal entstaubt gehöre. Also bitte alle ein wenig klopfen. Und dann bitte beim Nachbarn nachsehen, ob bei diesem vielleicht etwas . . . Gelächter in der Kirche, gefolgt von gesungenen Vokalen und der Versicherung, dass es keine falschen Töne gibt. Der Klang, der alsbald die Martinskirche erfüllte, war ganz erstaunlich – hatten da einige alte Baumeister ihr akustisches Werk verstanden, völlig ohne Computerberechnungen?

Das erste Lied, „Schweige und höre“ entstand nach der Benediktusregel „Schweige und höre, neige deines Herzens Ohr. Suche den Frieden.“ Bald erklang es als Kanon. In „O Signore“ wurde ein Text von Franziskus von Assisi in italienischer Sprache zu einer gregorianischen Melodie gesungen. Die wörtliche Übersetzung, „Herr, mache mich zu einem Instrument deines Friedens“, statt wie gewohnt „ein Werkzeug deines Friedens“, gefiel Burggrabe als Musiker außergewöhnlich gut. „Das ist die Idee, dass wir ein Instrument sind, etwas Größeres will auf uns musizieren.“ Auf keinen Fall solle der Abend ein Stress sein. Oft wurde im Stehen gesungen, aber das war kein Muss. Wer wollte, konnte die Augen schließen. „Wir sind so viele, wir können den ganzen Raum füllen. Das tut doch gut, oder?“

Ein „Ave Maria“ in einer evangelischen Kirche mag ungewöhnlich sein. „Vor 15 Jahren hätte ich nicht gedacht, mal mit Maria zu tun zu bekommen“, sagt Burggrabe. Doch sie vereine so viel in sich, dass andere Religionen dafür mehrere Figuren bräuchten. In der Martinskirche gebe es Mariendarstellungen, bei der Verkündigung erscheine sie als schwäbische Mona Lisa: Lächelt sie oder nicht?

Um den Wunsch, ein Segen zu sein, ging es im nächsten Lied, im darauffolgenden um das Sehen mit dem Auge des Herzens und das Lauschen mit dem Herzensohr. Nicht nur der Text erinnerte an den kleinen Prinzen, auch Burggrabe tat es. „Wenn wir das immer mehr leben würden, würde die Welt anders aussehen“, ist er überzeugt. „Lassen Sie die Noten sinken, sobald es geht“, forderte der Künstler bei „Hagios ho Theos“ auf. Beim Schlusslied, „Du bist gesegnet, ein Segen bist du“, sah er die größte Schwierigkeit nicht im Singen: „Die schwierigste Aufgabe ist, sich das zusingen zu lassen.“

Am Schluss dankte der Künstler den Konzertbesuchern, dass sie so viele neue Lieder gelernt und bis zu vierstimmig gesungen hatten. Er wünscht sich, dass die Lieder und Noten auf Wanderschaft gehen. „Jedes Lied war mal neu, auch ‚Der Mond ist aufgegangen‘“.

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