Kirchheimer Umland

Der Arbeitsplatz im Wohnzimmer

Von der Hose bis zum Sitzbezug: Irina Epple betreibt eine kleine Änderungsschneiderei

Schneiderin Irina Epple an ihrer Indurstrienähmaschine. Hier werden Hosen, Oberteile aber auch Möbelbezüge je nach Kundenwunsch
Schneiderin Irina Epple an ihrer Indurstrienähmaschine. Hier werden Hosen, Oberteile aber auch Möbelbezüge je nach Kundenwunsch genäht.Fotos: Katja Eisenhardt

Dettingen. Ein Faible fürs Nähen hatte Irina Epple bereits zu Schulzeiten. Die Dettingerin ist in Pawlodar

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im Norden Kasachstans aufgewachsen. „In der Schule gehörte Handarbeit dazu, ich habe dort verschiedene Nähkurse besucht“, erzählt sie. Ihr habe das Nähen großen Spaß gemacht. „Ich habe gern ausprobiert, was man aus Stoffresten so machen kann.“

Nach dem Schulabschluss fing Irina Epple – die damals zufälligerweise noch Schneider hieß – mit 15 Jahren an, in einer großen Nähfabrik in ihrer Heimatstadt zu arbeiten. Ihr Arbeitsplatz war in einer riesigen Halle. Da standen in jeder Reihe mindestens 30 Nähmaschinen nebeneinander. „Jeder von uns hatte seine Aufgabe. Meine war es, den Saum an den Kleidern für Mädchen und Frauen zu nähen.“ Das habe anfangs zwar auch Spaß gemacht, zumal man mit den Industrienähmaschinen ziemlich flott vorankam, „irgendwann wurde es aber dann doch etwas eintönig, immer nur denselben Arbeitsschritt auszuführen“, erinnert sich Irina Epple.

Sie beschloss, auf die Berufsschule zu gehen, um dort eine Ausbildung zur Schneiderin zu machen. „Danach habe ich in einem Modehaus als Damenschneiderin gearbeitet. Das war ein sehr individuelles und kreatives Arbeiten, je nachdem, was die Kundin gerne haben wollte – welcher Schnitt, welchen Stoff und so weiter.“ Bis spät in die Nacht saß sie bei solch einem Auftrag teils an der Nähmaschine. Das war normal: Das Kleidungsstück musste ja rechtzeitig fertig werden.

1998 kam Irina Epple dann nach Deutschland. In ihrem gelernten Beruf als Schneiderin konnte sie erstmal nicht mehr arbeiten. Stattdessen hat sie Sprachkurse besucht und schließlich eine Ausbildung zur Bäckereifachverkäuferin absolviert. Vor zwei Jahren hat sich die Mutter von drei Kindern dann dazu entschlossen, eine eigene kleine Änderungsschneiderei zu eröffnen. „Irina‘s Nähstube“ befindet sich direkt im heimischen Wohnzimmer in Dettingen.

Dort nimmt der gemütlich eingerichtete Nähbereich etwa die Hälfte des großen Raumes ein. In den Regalen stapeln sich Stoffe in den unterschiedlichsten Farben, ebenso bunt geht es in den großen Bonbongläsern und dem kleinen Holzregal voller Fadenrollen zu. Für die Arbeiten stehen verschiedene Nähmaschinen bereit, auf einer großen Arbeitsplatte schneidet Irina Epple die zu kürzenden Kleidungsstücke vor dem Nähen zurecht oder steckt sie entsprechend des Kundenwunsches ab. „Die Aufträge reichen vom Annähen eines Knopfes, über das Einsetzen oder Erneuern von Reißverschlüssen und das häufig notwendige Kürzen von Hosen, bis zum Fertigen von Möbelbezügen“, zählt Epple einige Beispiele ihrer Näharbeiten auf.

Bei den Kleidungsstücken, die ihre Kunden vorbeibringen, handle es sich sowohl um ganz neue Teile, bis hin zu den absoluten Lieblingsstücken, die vielleicht schon älter, aber so lieb gewonnen sind, dass sie nicht aus dem heimischen Kleiderschrank verbannt werden. „Ein Mann brachte mir einmal ein altes Jeanshemd, das er von seiner Mutter geschenkt bekommen hatte. Sie hatte das noch mit D-Mark bezahlt. Es war einfach ein Andenken, von dem er sich nicht trennen wollte.“ Solche Stücke hätten schlicht einen ideellen Wert, weiß Epple.

Nicht ganz so alltäglich sei beispielsweise der Auftrag gewesen, Bezüge für die Wohnmobilsitze zu nähen. „Da musste ich dann schon etwas länger überlegen, wie ich das am besten hinbekomme. Hat aber geklappt, und das Wohnmobil hat seine grünen Sitzbezüge bekommen.“ Auch an einen bestellten Sitzbezug für die Küchenbank einer Kundin erinnert sich die Schneiderin noch gut: „Der Bezug sollte ganz bunt werden, die Kundin hatte dafür ganz unterschiedliche Stoffteile dabei, die sie unter anderem von verschiedenen Reisen mitgebracht hatte. Sie hatte eine genaue Vorstellung, wie diese angeordnet werden sollen. Ich habe sie dann noch zusammengenäht. Das wurde dann ein individuelles Polster-Unikat.“

Je nach Jahreszeit lässt Irina Epple ihrer Kreativität an der Nähemaschine freien Lauf und näht unterschiedliche Dekoelemente oder auch bunte Mützen und Schals. Ihre Kinder eifern ihr bereits nach, in einer Ecke der Nähstube ist ihr kleines Reich, in dem sie an der Nähmaschine fleißig üben können.