Kirchheimer Umland

Der biblische Kriminalfall ist gelöst

Buchdruckerkunst Ingeborg Hölzles Familienbibel von 1585 ist nach über 50 Jahren auf dem Dachboden eines Pfarrhauses wiederentdeckt worden. Ein unscheinbarer Zettel liefert den Eigentumsnachweis. Von Andreas Volz

Ingeborg Hölzle blättert in ihrer Familienbibel vom „Federolfenhof“. Das Bild unten zeigt den entscheidenden Nachweis für das Ei
Ingeborg Hölzle blättert in ihrer Familienbibel vom „Federolfenhof“. Das Bild unten zeigt den entscheidenden Nachweis für das Eigentum: eine Kostenzusammenstellung aus dem Jahr 1736 mit dem Namen „Martin Federolf“. Die Bibel selbst ist noch wesentlich älter: Gedruckt wurde sie - wie das kleine Bild links zeigt - im Jahr 1585, und zwar „zu Franckfurt am Mayn“ von Johann Feyerabend.Fotos: Markus Brändli

Die Bibel hat viele kriminelle Vorfälle zu bieten: Bei Adam und Eva beginnt es mit vergleichsweise harmlosem Mundraub. Aber schon in der Generation nach ihnen folgen Mord und Totschlag. Weitere bekannte Fälle sind Lot und seine Töchter, die sich des Inzests schuldig machen, oder auch Josef, der Opfer von Menschenhandel und von falscher Verdächtigung wird.

Mitunter kann aber sogar eine Bibelausgabe der Hauptgegenstand eines „Krimis“ sein. Letzteres gilt für die Familienbibel, die die Kirchheimerin Ingeborg Hölzle vor rund zwölf Jahren erstmals wieder zu Gesicht bekam. Über 50 Jahre lang - seit 1952 - galt das Druckwerk aus dem Jahr 1585 als verschollen. „Täter“ war der damalige Pfarrer im hohenlohischen Hollenbach, der Ingeborg Hölzles Großmutter so lange „bearbeitet“ hatte, bis sie ihm die Bibel überließ. Er würde das Buch ins Landeskirchliche Archiv nach Stuttgart bringen, um es vor dem Auseinanderfallen zu bewahren.

In Ingeborg Hölzles frühen Erinnerungen war die Bibel ein Gebrauchsgegenstand: „Meine Großmutter hat jeden Tag darin gelesen.“ Sie selbst weiß nur noch, dass sie als Kind Bilder in einem Buch angeschaut hat. Nachdem sie später in gut zwei Dutzend Andachts- und Gesangbüchern aus dem Familienbesitz kein einziges Bild gefunden hat, ist sie zur Überzeugung gelangt, dass die alten Holzschnitte ihre wesentliche Erinnerung an die Bibel darstellen.

Sobald der Pfarrer der Großmutter die Bibel „abgeluchst“ hatte, begann der große Jammer: Mit über 80 Jahren konnte sich die alte Frau nicht mehr an eine andere Bibel gewöhnen. Bis zu ihrem Tod 1955 trauerte sie der Bibel nach. Die Trauer „vererbte“ sie an ihre Schwiegertochter, Ingeborg Hölzles Mutter: „Noch kurz vor ihrem Tod hat mich meine Mutter gefragt, ob ich glaube, dass der Pfarrer die Bibel verkauft hat.“

Die Frage war nicht unberechtigt, denn bereits 1981 hatte Ingeborg Hölzle beim Landeskirchlichen Archiv nachgefragt. Ergebnis: Dort war nie eine Bibel aus Hollenbach abgegeben worden.

Was auch immer der Pfarrer mit der Bibel beabsichtigt hatte, wird sich nicht mehr klären lassen. Kaum, dass er in den Besitz des Buchs gelangt war, trat er eine neue Pfarrstelle an - im Oberschwäbischen. Wie sich Jahrzehnte später herausstellte, hat er das Buch aber in Hollenbach gelassen: 2006 entdeckte es der heutige Pfarrer Ulrich Hartmann auf dem Dachboden des Pfarrhauses.

Damit war die Bibel zwar wieder aufgetaucht. Aber es galt zu klären, wem sie gehörte - ob es also wirklich die Familienbibel war, die seit mindestens 1736 auf dem „Federolfenhof“ in Hollenbach war. Ingeborg Hölzles Mutter, die sie sicher wiedererkannt hätte, war bereits 2002 gestorben. Erst 2010 sorgte eine Zeitzeugin für ein hohes Maß an Gewissheit: Margit Titze-Metzler war nach dem Krieg mit ihrer Familie nach Hollenbach gekommen. Sie hatte damals viel Zeit mit Ingeborg Hölzles Großmutter verbracht und konnte sich an viele Details der Bibel erinnern.

Endgültige Gewissheit brachte aber „Kommissar Zufall“: Nachdem Ingeborg Hölzle die Bibel auf Kosten der Familie hatte restaurieren lassen, stieß sie 2016 beim Durchblättern auf einen Zettel, den der Restaurator - den Gepflogenheiten seines Handwerks gemäß - mit eingebunden hatte.

Dieser Zettel brachte den Beweis der Herkunft: „Martin Federolf“ stand darauf. Es handelt sich um eine Kostenzusammenstellung für ein Brunnenbauprojekt aus dem Jahr 1736, das auch anderweitig dokumentiert ist. Die Bibel stammt also eindeutig vom „Federolfenhof“. Ein weiteres Schreiben aus der Bibel hat ebenfalls Beweiskraft - ein Brief, „geschrieben an meinen lieben Friedrich zu Weihnachten 1942 von Deiner Mutter“. Ingeborg Hölzles Vater Friedrich Münz war über Weihnachten 1942 in Coburg kaserniert. Ingeborg Hölzle hat auch die Schrift verglichen und ist davon überzeugt, dass es sich eindeutig um die Handschrift der Großmutter handelt.

Für die Kirchheimerin endet der „Krimi“ nach seiner Auflösung versöhnlich: „Es beruhigt mich, zu wissen, dass die Bibel nicht verscherbelt worden ist.“ Außerdem ist sie heilfroh, dass die Eigentümerfrage durch den eingelegten Zettel „hieb- und stichfest“ geklärt ist. Die Beweggründe für das Handeln des früheren Pfarrers kann sie zwar nicht nachvollziehen. Umso dankbarer ist sie dafür dem heutigen Pfarrer, dass er ihr die Bibel schon zu einem Zeitpunkt überlassen hatte, als der entscheidende Hinweis noch nicht gefunden war. Nur eins bedauert Ingeborg Hölzle: „Meine Mutter hat es leider nicht mehr mitgekriegt. Dabei hätte ich es ihr so gewünscht.“

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