Kirchheimer Umland

Der lange Weg zur „schlauen Stadt“

Digitalisierung Welche Strategien brauchen Städte, um zur „Smart City“ zu werden? Im Rahmen einer Veranstaltung bei der Firma Mosolf versucht Gastredner Thomas Felhing, Antworten zu liefern. Von Günter Kahlert

Intelligente Parkleitsysteme zeigen per Smartphone freie Parkplätze an. In Bad Hersfeld ist das schon Praxis. Symbolfoto: Parkis
Intelligente Parkleitsysteme zeigen per Smartphone freie Parkplätze an. In Bad Hersfeld ist das schon Praxis. Symbolfoto: Parkister

Keine Frage, Thomas Fehling ist ein Mann, der die viel zitierte „Digitalisierung“ ganz konkret anpackt. Der Bürgermeister von Bad Hersfeld hat seine Stadt auf den Weg zur „Smart City“ gebracht und zu einer der digitalen Vorzeige-Kommunen in Deutschland gemacht. Er ist einer der Referenten bei der Veranstaltung „Smart City - lebendige Stadt“, die Dr. Jörg Mosolf in seiner Firma initiiert hat. Ziel ist es, den oftmals diffus gebrauchten Begriff der „Digitalisierung“ aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten und sehr konkrete Ideen und Beispiele für die Städte zu zeigen.

Da hat Thomas Fehling eine Menge zu erzählen, aus der Praxis, nicht aus der Theorie. Im Jahr 2011 wurde der studierte Wirtschaftsinformatiker zum Bürgermeister der 30 000-Einwohner-Stadt gewählt und hat seitdem sein Vorhaben Digitalisierung der Verwaltung und „Smart City“ konsequent vorangetrieben. „Wir machen das nicht aus Technikverliebtheit, es muss immer einen konkreten Nutzen und eine Verbesserung der Lebensqualität für die Bürgerinnen und Bürger geben“, stellt Thomas Fehling klar.

So hat er mit Partnern zusammen ein intelligentes Parkleitsystem eingeführt, das per Smartphone freie Parkplätze anzeigt und auch die Bezahlung per Handy regelt. Seit 2016 gibt es eine App, mit der jeder Lärmmessungen vornehmen kann, die dann in einer Karte zusammengeführt werden und für konkrete Lärmschutzmaßnahmen als Vorlage dienen. Noch ein Beispiel: Entlang der A4 an Bad Hersfeld vorbei wurde ein Dutzend Umweltsensoren („Smartboxen“) installiert, die Daten zu Lautstärke, UV-Belastung, Helligkeit, Feinstaub, Temperatur und Luftfeuchtigkeit erfassen. Alles fließt in Echtzeit in das „Urban Cockpit“, die zentrale Infoplattform der Stadt.

Autonome Busse bis 2022

An weiteren Ideen für die Zukunft mangelt es dem umtriebigen Bürgermeister nicht. Bis 2022 will er autonome Busse in der Stadt haben, ebenso will er das Verkehrsmanagement inklusive intelligenter Ampelschaltung anpacken. Auch die Perfektionierung des effizienten Energiemonitorings städtischer Gebäude steht auf seiner Agenda. Es sind sehr viele Einzelprojekte, die realisiert wurden und noch werden. Thomas Fehling gibt auch den Rat weiter: „Fangen Sie klein an, aber fangen Sie an!“ Allumfassende Lösungen gleich zum Start zu suchen, sei der falsche Weg. „Da werden Sie nie fertig“, meint er dazu.

Als Kopiervorlage für andere Städte ähnlicher Größe sieht er Bad Hersfeld nicht. „Jede Stadt ist individuell, das ,Schema F‘ für die Digitalisierung gibt es nicht“, dämpft er Erwartungen. Das A und O ist seiner Ansicht nach die Kooperation der Kommunen, der Erfahrungsaustausch. „Unsere Fehler müssen andere nicht noch mal machen, und wir könnten aus den Fehlern anderer Städte lernen.“ Thomas Fehling wünscht sich mehr Mut bei der Digitalisierung, vor allem auch in den kleineren Städten. „Gegenwind gibt es immer, aber da müssen Sie Durchhaltevermögen haben und Überzeugungsarbeit leisten“, spricht er aus seiner eigenen Erfahrung als Bürgermeister.

Bliebe noch das viel zitierte Thema „Datenschutz“ der Bürger bei so vielen Sensoren und Kameras in der Stadt. Thomas Fehling hat das sehr unkonventionell angepackt. „Ich habe eine Ehrenerklärung abgegeben, dass ich mich persönlich darum kümmere“, erzählt er. Einem ausgewiesenen IT-Fachmann, der in seiner beruflichen Laufbahn vor dem Bürgermeisteramt mit „Big Data“ einer US-Firma beschäftigt war, kann man das in dem Fall sicher abnehmen.

Weitere Aspekte der „Smart City“ - also der schlauen, cleveren Stadt - sprachen die anderen Referenten an. Die Geschäftsführerin des Deutschen Verkehrsforums Berlin, Dr. Heike van Hoorn, sieht die Situation der Logistikunternehmen für die Stadt der Zukunft. „Die Herausforderung urbaner Logistik ist immer die letzte Meile zur Haustür des Kunden“, skizziert sie die Aufgabenstellung. Da geht es dann um Roboterzustellung, E-Mobilität der Lieferdienste, Abholstationen und vieles mehr. Ziel ist es letztlich, den Lieferverkehr effizienter und ökologisch verträglicher zu gestalten. Matthias Weis vom „Urban Institute, Smart City Forum“ kommt von der konzeptionellen Seite. Das weltweit tätige Beratungsunternehmen sieht sich als Vordenker für alle Aspekte der Digitalisierung in Städten. Vernetzung und Plattformstrategien gehören zu den Themen. Viele Ansätze des „Urban Institute“ sind auch in Kirchheim in die Digitalisierungs-Strategie eingeflossen. Zusammen mit der Firma „Integrated Worlds“ entwickelt die Stadt eine Service-, Info- und Austausch-Plattform, die allen Bürgern und kommunalen Interessengruppen offen steht. Der Anfang ist also auch hier längst gemacht.