Kirchheimer Umland

Der Widerstand breitet sich aus

Letzte Ruhe Immer mehr Dettinger Bürger wehren sich gegen die Pläne, auf dem Käppele einen Bestattungswald einzurichten. Sie fürchten eine hohe Verkehrsbelastung im Ort – und um den Naherholungswert. Von Iris Häfner

Auf einer privaten Wiese auf dem Käppele steht ein Schild, das den Protest gegen den Bestattungswald zum Ausdruck bringt.  Foto:
Auf einer privaten Wiese auf dem Käppele steht ein Schild, das den Protest gegen den Bestattungswald zum Ausdruck bringt. Foto: Jean-Luc Jacques

Der Widerstand formiert sich bezüglich des geplanten Bestattungswalds auf dem Käppele in Dettingen. Der Höhenzug ist nicht nur bei den Dettingern ein beliebtes Naherholungsgebiet und Teil des ausgedehnten Talwalds, der sich weit über das Tiefenbachtal und teilweise bis fast zur Lauter erstreckt. Den Parkplatz erreicht der Wanderer über zwei schmale Asphaltsträßchen. Eines führt am Neuen Friedhof vorbei. Da hat der Autofahrer schon das Nadelöhr „Stelle“ passiert. Die bebaute Straße, zwischen Lauter und Kanal gelegen, hat wegen der Nachverdichtung massiven Parkdruck, was regelmäßig zu Verkehrsbehinderungen führt. Mit Park- und Halteverboten will Dettingen nun die Durchfahrt besser regeln (wir berichteten). Der zweite, längere Anfahrtsweg führt über die historische und damit schmale Brücke im Bereich Mühlstraße/Kanalstraße mitten im alten Ortskern.

„Erholungsgebiet Nummer eins“

Hier setzt auch die Kritik einiger Dettinger Bürger an. Alle drei Fraktionen des Gemeinderats haben von ihnen Post erhalten. „Das Käppele ist für viele Dettinger Bürger, Wanderer und Radfahrer das Erholungsgebiet Nummer eins, des Weiteren wird das Käppele land- und forstwirtschaftlich genutzt“, beginnt der Brief. Da ein Bestattungswald überregional genutzt wird, gibt es zusätzlichen Verkehr. „Autokarawanen durch die Ortsmitte sowie auf den beiden Zufahrtswegen zum Käppele werden zum Dauerzustand. Dazu kommt die Behinderung für land- und forstwirtschaftlichen Verkehr“, schreiben die Gegner und sprechen von einer „in jeder Hinsicht unzumutbaren Belastung“ für die Gemeinde Dettingen.

In Wangen bei Göppingen und in Münsingen auf der Alb liegen die zwei nächstgelegenen Friedwälder. Laut Recherchen der Gegner gab es Anfang dieses Jahres in Wangen zwischen acht und 20 Bestattungen pro Woche. Sie rechnen damit, dass diese Zahlen auch in Dettingen zur Realität werden. „Pro Bestattung muss mit 20 bis 130 Fahrzeugen gerechnet werden“, befürchten sie. Flur- und Straßenschäden seien damit vorprogrammiert. Reichen die Parkplätze nicht aus, werden die Autos am Fahrbahnrand abgestellt - und damit auch auf Wiesen- und Wald­rändern. Den Hochrechnungen der Gegner zufolge können so wöchentlich bis zu 1400 Fahrzeuge zusätzlich durch Dettingen rollen.

Das Projekt Bestattungswald auf dem Käppele angestoßen hat Johan Homburg. Der Bestatter hat Standorte in Neuhausen auf den Fildern, Denkendorf sowie Kirchheim und ist auch für Dettingen mit seinen zwei Friedhöfen zuständig. Aus seiner täglichen Arbeit weiß er, dass es „eine enorme Nachfrage nach Naturbestattungen“ gibt, wie er dem Dettinger Gemeinderat im Oktober vergangenen Jahres mitteilte. Weil es im Landkreis Esslingen keine Möglichkeit dieser Bestattungsform gibt, kam er auf die Idee der „Schwäbischen Ruhewälder“ für Mensch und Tier. Wichtig sei für solche Orte eine gute Erreichbarkeit, also nahe gelegene Parkplätze und ein möglichst ebenes Gelände, damit auch Rollstuhlfahrer die „Trauerbäume“ erreichen können. Jedoch nicht alle Gemeinden stehen einem Bestattungswald positiv gegenüber. Schlaitdorf und Deizisau lehnten eine solche Anfrage von Johan Homburg ab, dessen Ziel es ist, im Landkreis Esslingen drei Naturbestattungsplätze einzurichten.

Der Dettinger Gemeinderat hat das Ansinnen von Johan Homburg im Oktober dagegen nicht kategorisch abgelehnt. Bürgermeister Haußmann sprach von einer „Bestattungsart mit Zukunft“. Es wurden die nächsten Schritte eingeläutet: Prüfung der naturschutzrechtlichen und forstwirtschaftlichen Voraussetzungen.

„Wichtig, alle mitzunehmen“

An diesem Vorgehen hält das Gremium auch weiterhin fest. „Wir haben Post bekommen“, erklärte Andreas Hummel von der CDU/FWV-Fraktion in der jüngsten Sitzung des Gemeinderats unter Punkt Verschiedenes. „Es gibt eine Gruppe, die gegen den Bestattungwald ist. Wir nehmen die Bedenken ernst“, versicherte er. Allerdings kommt es ihm so vor, als ob mit Kanonen auf Spatzen geschossen wird. „Wir wollen den beschlossenen Prozess weitergehen und erst dann entscheiden“, stellte er klar. Dazu zählt auch eine Fahrt zu zwei oder drei Bestattungswäldern mit den Bürgern. „Das machen wir auch, sobald man im Bus wieder nebeneinander sitzen kann. Bis dahin ruht das Projekt“, erklärte dazu Rainer Haußmann und sagte weiter: „Wir sind noch lange nicht soweit. Am Ende geht es darum, die Fakten zu bewerten.“ Auch Timo Hertl von SPD/Grüne meldete sich zu Wort. „Es ist wichtig, alle mitzunehmen - auch im Bus - damit sich jeder ein Bild machen kann. Wir sind selber noch im Findungsprozess“, sagte er.

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