Kirchheimer Umland

Der Wiedehopf – Wappentier exklusiver Wohnkultur

Mit dem Wegzug von Uta Maubach-Wiedenhöfer aus Kirchheim endet eine Firmenära – von der Sattlerwerkstatt zum Einrichtungshaus

Der Name Wiedenhöfer war in Kirchheim – und weit darüber hinaus – über viele Jahrzehnte hinweg der Inbegriff für eine gehobene Wohnkultur, die auch unkonventionelle Wege nicht scheute. Mit dem Wegzug von Uta Maubach-Wiedenhöfer geht eine Firmengeschichte zu Ende, die auch ein bezeichnendes Licht auf den einstigen Mikrokosmos der Teckstadt wirft.

Frau Wiedenhoefer-Maubach, Dreik?nigstr. 7
Frau Wiedenhoefer-Maubach, Dreik?nigstr. 7

Kirchheim. Schon der plastische Wiedehopf, der die Fassade des Hauses Dreikönigstraße 7 schmückt, weist da­rauf hin, dass hier das Visuelle einen besonderen Stellenwert genießt. Und tatsächlich spielte die Optik als Qualitätsmerkmal bereits eine große Rolle, als der Sattler, Tapezierer und Firmengründer Johann Friedrich Wiedenhöfer im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, damals noch in der Heidenschaft, seine Werkstatt eröffnete. Schließlich hatte der Großvater väterlicherseits von Uta Maubach-Wiedenhöfer im Auftrag des württembergischen Hofs auch Möbel für das Kirchheimer Schloss zu fertigen. Und auch der Opa mütterlicherseits unterhielt „nahrhafte“ Beziehungen zu dem Adelssitz, er war der Hofbäck namens Maier.

Der Vater der letzten Firmeninhaberin, Wilhelm Friedrich Wiedenhöfer, trat wiederum in die Fußstapfen seines Vaters und wurde ebenfalls Sattler und Tapeziermeister. Und seine Klientel war nicht minder anspruchsvoll, Fabrikanten beauftragten ihn mit der Inneneinrichtung ihrer Villen und Geschäftsräume, ließen teure Ledertapeten anbringen und gaben erlesene Polstermöbel in Auftrag; selbst das Ausschlagen von Särgen mit Samt und Seide zählte zum Service. Doch nicht nur aus der Oberschicht stammte die Kundschaft, auch für den Bauernstand wurden Zuggeschirre für Pferd, Ochs und Kuh hergestellt.

Anfang der 1920er-Jahre heiratete Wiedenhöfer Marie Emma Kälberer. Da der Betrieb prosperierte, musste er mehrfach verlagert werden, bis das Haus in der Dreikönigstraße zum bleibenden Domizil wurde. Tochter Uta, 1935 geboren, erinnert sich, dass sie schon als Kind „den Handlanger gespielt“ und sich dabei offenbar geschickt angestellt habe. Doch sie erinnert sich auch an die Auswirkungen der Kriegs- und Nachkriegszeit für den Handwerksbetrieb. So mussten für die Wehrmacht einmal 5 000 Brotbeutel genäht und 500 Matratzen mit Seegras gefüllt werden, weiter galt es, aus wasserfestem Segeltuch Rettungsboote für die Marine zu fertigen sowie Etuis für die angeblichen „Wunderwaffen“ herzustellen. Nachdem die Wunder im Allgemeinen und die Wunderwaffen im Speziellen ausgeblieben waren und der NS-Spuk ein Ende hatte, war in den ersten Nachkriegsjahren das Improvisieren angesagt. Unter anderem produzierte man in der Dreikönigstraße Lastwagenplanen – aus den Ausschusswaren der amerikanischen Besatzungsmacht.

Da ihre Brüder Hans und Peter anderweitige Berufspläne hatten, sei Mitte der Fünfzigerjahre in Sachen Betriebsübernahme alles auf sie hinauslaufen, sagt rückblickend Uta Maubach-Wiedenhöfer. Nach mittlerer Reife, dem Besuch der Höheren Handelsschule und der Frauenarbeitsschule („Knopflochakademie“) im Alten Haus, volontierte sie bei Luise Weimer, die in Göppingen ein Einrichtungshaus mit Polstergeschäft betrieb.

Mit ihren Verbindungen zu den namhaften Stoffherstellern und -druckern jener Zeit sowie zu Kunstschaffenden wie etwa Lude Döring, Eckhardt Dietz und Carl Weber, inszenierte Uta Wiedenhöfer zusammen mit ihrer Busenfreundin Friedel Dauscheck ihre ganz persönlichen „Roaring Fifties“ im noch explizit kleinstädtischen Kirchheimer Milieu. Damals sei es „völlig neu gewesen, dass a Mädle so ebbes macht“. Man nähte Kleider und Schürzen aus schickem Vorhangstoff oder aus Tischwäsche und zeigte sich in der Öffentlichkeit provozierend im Petticoat und flippigem Outfit. 1961 heirateten Uta Wiedenhöfer und Gerhard „Teddy“ Maubach – er war Betriebsleiter beim Elektroartikelhersteller ABC. „Wir haben von der Tapete bis zur Kaffeetasse, von den Bildern bis zur Dekoration alles geliefert und Möbel aus England und Italien bezogen“, sagt die Kirchheimerin. Als die Eheleute 1994 nach Südfrankreich zogen und ihre aktive Zeit endete, war die Zahl der Mitarbeiter von acht auf 25 angestiegen.

Als die 80-Jährige vor einigen Tagen ihre Zelte in Kirchheim abgebrochen hat, um ihr künftiges Domizil in der Altersresidenz Stetten oberhalb des Taubertals zu beziehen, tat sie das mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Seit der Einführung der Fußgängerzone in der Dreikönigstraße habe sie insbesondere mit den Modalitäten der Zufahrtsregelungen für Anwohner gehadert, sagt Uta Maubach-Wiedenhöfer. Um Kunden die Anfahrt zum Geschäft zu ermöglichen, habe sie den von der Stadt ausgestellten Einfahrschein von Fall zu Fall kopiert. Und das sei ihr dann prompt als Dokumentenfälschung ausgelegt worden – und nur aufgrund ihres Alters habe man auf dem Rathaus von einer Anzeige abgesehen. Und sollte sie außerhalb der offiziellen Anlieferungszeiten abgeholt werden, so habe sie droben auf dem Rossmarkt warten müssen. „Und das“, so sagt sie, „hat mich ziemlich belastet“.pm

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