Kirchheimer Umland

Dettingen traut sich was

Strategie Um den Klimaschutz in der Schlossberggemeinde voranzubringen, hat sich der Dettinger Gemeinderat entschlossen, einen Klimaschutzmanager einzustellen. Von Iris Häfner

Die Holzhackschnitzelanlage versorgt mehrere öffentliche Gebäude in Dettingen mit Wärme.  Foto: Carsten Riedl
Die Holzhackschnitzelanlage versorgt mehrere öffentliche Gebäude in Dettingen mit Wärme. Foto: Carsten Riedl

Am Ende war die Abstimmung eindeutig: Zwölf Gemeinderäte und Bürgermeister Rainer Haußmann sprachen sich dafür aus, eine Stelle für einen Klimaschutzmanager für Dettingen zu schaffen - bei einer Gegenstimme und einer Enthaltung. Bis zu diesem Entschluss hat es jedoch ein ganzes Weilchen gedauert. „Fast zwei Stunden mussten wir warten, bis wir was sagen dürfen“, konnte es sich Gemeinderat Andreas Hummel nicht verkneifen in Richtung Rathauschef zu sticheln. Gleich zu Beginn der Sitzung in der Schlossberghalle hatte die Verwaltung berichtet, was alles in den vergangenen Corona-Wochen in Dettingen passiert und vonseiten der Verwaltung geleistet wurde. Es folgte eine Bürgerfragestunde, ehe es eine ausführliche Informationsrunde mit drei Experten zum Themenkomplex Klimaschutz in Dettingen gab.

„Wir können auf 20 Jahre Klimaschutz in unserer Gemeinde zurückblicken“, sagte Rainer Haußmann stolz. Mit dem umfangreichen Tagesordnungspunkt wollte er aufzeigen, wo Dettingen steht und was als nächster Schritt folgen soll. In welche Richtung der Schultes gehen will, war kein Geheimnis. Die Schaffung einer zusätzlichen Hundert-Prozent-Stelle zum 1. Januar 2021, mit Hauptaugenmerk Klimaschutzmanagement, stand zur Abstimmung. Rainer Haußmann hat ein ehrgeiziges Ziel, er will mit dem European Energy Award (eea) ausgezeichnet werden. „Das ist ein weiterer bedeutender Baustein im Klima- und Energiemanagement der Gemeinde. Wir sind die erste Kommune im Landkreis Esslingen, die daran teilnimmt“, erklärte er. Dettingen hat sich in den vergangenen zwei Jahren am integrierten Klimaschutzkonzept des Kreises beteiligt. Das ist Rainer Haußmann aber nicht genug, Dettingen ist seiner Ansicht nach viel weiter als die meisten anderen Kommunen. „Ich will permanent Zugriff auf den Klimamanager haben und ihn nicht mit 26 anderen Kommunen teilen, er soll die Menschen hier im Ort für den Klimaschutz begeistern“, erklärte er.

Drei Fachreferenten

Der Schultes hatte sich gleich drei Verfechter seiner Mission ins Ratsrund geholt: Olaf Hildebrandt, Geschäftsführer bei ebök Planung und Entwicklung in Tübingen, Helmut Bauer vom Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg (ifeu) und Thomas Hamm, akkreditierter eea-Berater aus Rottenburg.

Macht das einen Sinn? Diese Frage stellte sich Andreas Hummel bei der Schaffung einer neuen Stelle für einen Klimaschutzmanager allein für die Gemeinde Dettingen. Erschrocken, sogar geschockt sei er bei dem Beschlussvorschlag „in heutiger Zeit“ gewesen, gab er zu. Ob sich Dettingen das leisten könne, hat er von den Vorträgen der Referenten abhängig gemacht, hin und her gerissen war er auch danach - trotz der staatlichen Förderung der Stelle von 24 Wochenstunden für die ersten 36 Monate.

Wieso noch jemand eingestellt werden soll, war auch Peter Beck nicht klar, nachdem Dettingen bereits gut aufgestellt ist. Die Antwort von Rainer Haußmann: frühzeitig Anreize schaffen, um Hausbesitzer wie beispielsweise auf dem Guckenrain für klimaschonende Umbauten zu gewinnen, die sich bei Erschließungsmaßnahmen ergeben.

Solange die Stelle gefördert wird, muss sich Dettingen den Klimaschützer nach Ansicht von Stefan Russ schon aus Umweltschutzgründen leisten. Insbesondere, wenn es um neue Siedlungsflächen geht, müsse die Energieeffizienz der Gebäude dort nachhaltig und von höchster Qualität sein.

„In Zeiten knapper Kassen geben wir mit dieser Stelle viel Geld aus - und man sieht nicht immer sofort, was geleistet wird“, gab Petra Ernst zu bedenken. Genau das sei jedoch der Punkt, erklärte Rainer Haußmann. „Wir übernehmen Aufgaben, die uns rechtlich nicht betreffen“, erklärte Rainer Haußmann und nannte als Beispiele den Ausbau des Breitbandnetzes. Rund 4000 Euro brutto wird der künftige Klimaschutzmanager im Monat bekommen.

Den European Energy Award und das Klima fest im Blick

„Nach Dettingen wird geschaut. Die Holzhackschnitzelanlage ist ein Leuchtturmprojekt“, erklärte Olaf Hildebrandt, Geschäftsführer bei ebök Planung und Entwicklung. Die Schlossberggemeinde spielt in der ersten Liga bei der Energieeinsparung und -effizienz bei ihren eigenen Gebäuden. Seit dem Jahr 2000 bestehe diesbezüglich Kontinuität. „Hier überlässt man nichts dem Zufall. Dieses strategische Vorgehen ist ein Vorbild“, lobte der Referent. Über 30 Prozent konnte so der Energieverbrauch in den kommunalen Einrichtungen eingespart, der Ausstoß an CO2 um 55 Prozent gesenkt werden.

Bewundernswert fand Helmut Bauer vom Institut für Energie- und Umweltforschung, dass Dettingen in Zeiten wie diesen einen Beschlussvorschlag unterbreitet, „der einen Klimaschützer einstellt“. Er warb glühend für die Stelle. Drei Standbeine macht er beim Klimaschutz aus: den Verkehr weniger personalisieren, die (Privat-)Gebäude energiesparend (um-)bauen, und den seit wenigen Jahren dazugekommenen Aspekt des Konsumbereichs. „Wie diese Maßnahmen als Paket umgesetzt, nach außen getragen und kontrolliert werden, das ist die Aufgabe des Klimamanagers“, beschrieb er die Stelle. Selbstredend hat dieser Klimaschützer alle rechtlichen Neuerungen im Blick und die damit einhergehenden Fördermöglichkeiten. Öffentlichkeitsarbeit und Partnerschaften - etwa bei fairem Handel - gehören ebenfalls zu seinem Aufgabenkatalog.

Wichtig ist der Klimaschützer auch im Vorantreiben des European Energy Award (eea). „Es braucht mindestens einen Ansprechpartner, der sich vor Ort auch kümmert“, erklärte Thomas Hamm, eea-Berater. Der European Energy Award ist ein Ins- trument zur fortlaufenden Umsetzung, Steuerung und Kontrolle der klimarelevanten Aufgaben auf kommunaler Ebene. Im Rahmen dieses Prozesses werden die lokalen Möglichkeiten ermittelt. Es gibt eine jährliche Erfolgskontrolle, ein Zyklus dauert vier Jahre, erst dann besteht die Möglichkeit zur Auszeichnung. „Mein Plädoyer: mehr Klimaschutz, weniger Energiemanagement“, lautete der Rat von Thomas Hamm, um den eea zu bekommen. ih

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