Kirchheimer Umland

„Die Bierstraße zu schließen, finde ich komplett überzogen“

Freizeit Sänger und Zahnarzt Tobee aus dem Filstal kennt Mallorca und den „Ballermann“ seit 15 Jahren. Er sieht die Gastronomie auf der Insel akut gefährdet. Von Thomas Zapp

Ein Bild aus der guten alten „Vor-Corona-Zeit“: Tobee feiert mit seinen Fans auf dem „Schlagerkuchen“.Foto: pr
Ein Bild aus der guten alten „Vor-Corona-Zeit“: Tobee feiert mit seinen Fans auf dem „Schlagerkuchen“. Foto: pr

Tobee, Mallorcas „Ballermann“ ist während der Corona-Krise wieder in aller Munde. Wann waren Sie selbst das letzte Mal dort?

Tobee: 15 Jahre lang bin ich jede Woche einmal im „Bierkönig“ aufgetreten. Zum letzten Mal war ich im Oktober 2019 dort. Der „Bierkönig“ hat leider bis heute geschlossen.

Wie bewerten Sie die Schließung der beiden Partystraßen am „Ballermann“?

Tobee: Die komplette Schließung von vielen deutschen Lokalen an der Playa de Palma finde ich komplett überzogen. Alle Gastronomen hier sind absolute Profis mit Sicherheitskonzepten und auch, wie ich hörte, sehr ausführlichen Hygienekonzepten. Man muss Corona sicherlich sehr ernst nehmen, aber gleichzeitig auch der Gastronomie eine Chance zum Überleben bieten.

Und was haben Sie gedacht, als Sie das Verhalten der Touristen in dem Video aus der Bierstraße sahen?

Aus der Ferne durch die Medien betrachtet, ist es schwer zu bewerten, wie sich die Touristen wirklich verhalten haben. Ich kenne die Bierstraße sehr gut: In den veröffentlichten Videos sind Dinge zu sehen, die schon lang nicht mehr so existieren. Zudem habe ich ein Video aus der Vogelperspektive gesehen, das einen ganz anderen Sachverhalt zeigt als das, was publik gemacht wurde. Ich kann nicht bewerten, wie das Verhalten wirklich war. Jedoch weiß ich, dass die Gastronomen hier alles tun, um ihr Geschäft am Laufen zu halten. In dieser Art von Gastronomie muss man sich immer wieder neuen Gegebenheiten und Herausforderungen stellen. Das können alle schon aus der Zeit von vor der Corona-Krise.

Glauben Sie, dass die Landesregierung die Gunst der Stunde genutzt hat, um unter dem Corona-Vorwand die deutsche Partyszene an der Playa „abzuwürgen“?

Nein! Die Playa de Palma ist mehrere Kilometer lang, hier kann jeder seinen Urlaub so gestalten, wie er möchte. Ich selbst habe schon Relaxurlaub am Balneario 12 gemacht in tollen Hotels ohne Partyeinflüsse. Das Party- und Nachtleben wurde schon seit Jahren etwas eingedämmt, so hört man ab 24 Uhr keine laute Musik mehr. Die Locations wurden schon seit Langem so umgebaut, dass in ihnen gefeiert werden kann. Wie sich Menschen lautstärketechnisch auf den Straßen verhalten, ist was anderes. Da gibt es aber viele andere Hot-Spots auf der Welt, wo die nächtliche Lautstärke viel schlimmer ist als an der Playa de Palma.

Neben Ihrem Beruf als Partysänger sind Sie Zahnarzt im Kreis Göppingen. Wie passt das zusammen?

Ich habe nach meinem Abitur Zahntechniker gelernt und wollte trotz meiner Musik immer etwas Bodenständiges machen. Dann wurde meine Musik immer erfolgreicher, das hat mich jedoch nicht davon abgehalten, Zahnmedizin an der Universität Ulm zu studieren. 2017 habe ich mein Examen absolviert und habe Anfang des Jahres die Zahnarztpraxis meines Vaters übernommen. Schon vor Corona mache ich beide Jobs bis heute gern. Der eine gleicht den anderen aus.

Wie trifft Sie die Corona-Krise als Sänger?

Sehr! Das fehlende Finanzielle ist jedoch nicht einmal das Schlimmste. Wenn es du es seit 15 Jahren liebst, jedes Wochenende in Europa einen Auftritt zu haben, fehlen dir die Leute, die Stimmung, die Bestätigung und die gute Laune, die man als Künstler den Menschen geben kann.

Was hören Sie von Ihren Kollegen: Sind da Existenzen gefährdet?

Ich denke, die Kollegen, die wie ich regelmäßige Auftritte und Erfolg mit ihrer Musik hatten, haben keine Probleme, die Krise zu überstehen. Dennoch ist es für uns alle ein riesiger Einschnitt, da von heute auf morgen alle Einnahmen wegfallen, da im Kulturellen nahezu im Moment kein Geld zu verdienen ist. Dies gilt nicht nur für mich als Künstler, sondern auch für die zahlreichen Bars und Locations, Technikverleiher und Veranstalter, die ebenfalls auf dem Trockenen sitzen. Die Veranstaltungsbranche ist eine riesige Kette von Gewerken, die alle gleichermaßen betroffen sind.

Wie geht es nun weiter mit Ihren Auftritten auf Mallorca? Können Sie irgendetwas planen?

Leider ist im Moment nichts planbar. Ich hoffe, dass es bald wieder die Möglichkeit gibt, aufzutreten.

Welche Möglichkeiten haben Sie derzeit, in Deutschland aufzutreten?

Im Moment bin ich viel im Tonstudio, um mit meinem Produzenten an neuen Songs zu arbeiten. Das eine oder andere Konzert bei einem „Autokino“ hatte ich bereits, das ist in Corona-Zeiten sicherlich eine Chance, um den Fans näher zu sein. Man bekommt als Künstler in einem Autokino mit Partymusik aber kein Feedback. Meine Musik lebt davon, dass sich Menschen gut fühlen, gute Laune haben, singen und tanzen. Das alles ist beim Autokino stark eingeschränkt.

Ihr Open-Air „Schlagerkuchen“ konnte dieses Jahr auch nicht stattfinden, wie sehr trifft Sie das?

Seit 2017 kommen mehr als 5000 Personen zu dem Konzert in meiner Heimatgemeinde Kuchen, das ich ins Leben gerufen habe. Es macht mich natürlich sehr traurig, dass es 2020 ausgefallen ist. Wir haben es verschoben auf den 10. Juli 2021. Alle meine Kollegen und Künstler haben dafür schon zugesagt. Das macht Mut!

Der Sänger„Tobee“ wurde als Tobias Rieger am 24. Juni 1985 in Geislingen an der Steige geboren. Sein Wohnort ist seit jeher aber Kuchen. Dort hat er auch das Open-Air-Festival „Schlagerkuchen“ gegründet. In Kirchheim ist er im Partypark A 8 aufgetreten, auf dem Cannstatter Wasen war der 35-Jährige beim Wasenwirt Grandls Höfbräu zu sehen und zu hören. Im Jahr 2017 hat er sein Zahnmedizin-Studium beendet und ist seitdem in der Praxis seines Vaters tätig. zap

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