Kirchheimer Umland

Die Faszination der Langsamkeit

Beim Neidlinger Oldtimertreffen präsentieren Liebhaber ein Stück Landwirtschaftsgeschichte

Altes Blech erstrahlte bei Kaiserwetter in neuem Glanz. Rund 300 Aussteller präsentierten beim neunten Neidlinger Oldtimertreffen Schlepper aus verschiedenen Jahrzehnten. Die historische Fahrzeugschau zog etwa 3 000 Sammler und Interessierte an.

Neidlingen. Über Jahrtausende hinweg waren die Muskeln von Mensch und Tier die alleinige Kraftquelle für das Betreiben der Landwirtschaft. Dies änderte sich laut Karl-Heinz Gaugel erst mit der industriellen Revolution. „Mit der bahnbrechende Erfindung der Dampfmaschine durch James Watt hielt die Mechanisierung Einzug in die Agrarwirtschaft“, wie der stellvertretende Vorsitzende der Oldtimerfreunde unter dem Reußenstein, die das Treffen organisiert hatten, berichtet. Lokomobile kamen Rainer Spengler zufolge am Beginn der Industrialisierung in landwirtschaftlichen Betrieben zum Einsatz, wo sie beispielsweise Dreschmaschinen oder Pflüge über Transmissionsriemen antrieben. Diese Dampfmaschinenanlagen in geschlossener Bauform waren laut Spengler in ihrer Grundform nicht „auto-mobil“, also selbstfahrend. Vielmehr wurden sie mit Ochsen und Pferden zum Einsatzort gezogen. „Später fanden auch Dampftraktoren Verwendung“, so der Vorsitzende.

1890 arbeiteten in den USA mehrere Firmen an der Entwicklung eines Schleppers, der nicht mit Dampf, sondern durch den neuen Ottomotor angetrieben wurde. Der war leichter und in der Landwirtschaft auch flexibler einsetzbar. In Deutschland dauerte es aber lange, bis eine Serienproduktion von Schleppern stattfand, weiß Rainer Spengler. „Große, finanzstarke Betriebe konnten sich die Maschinen und den Kraftstoff leisten“, erzählt er. Bis in die 1960er-Jahre hinein bewirtschafteten Kleinbauern noch mit Pferden und Kühen ihre Felder.

Helmut Schmid, der aus Nürtingen mit einem Schlepper des Herstellers Güldner, Modellreihe Spessart, Modell A2KN, anreiste, von dem zwischen 1956 und 1959 insgesamt 3 910 Exemplare produziert wurden, schätzt an den historischen Fahrzeugen die einfache und dennoch robuste Technik. „Wer handwerkliches Geschick und technisches Verständnis mitbringt, findet sich schnell ein und kann einen Schlepper auch leicht selbst restaurieren, reparieren und warten“, erklärt Schmid. „Die Ersatzteile muss man sich halt in ganz Deutschland zusammensuchen. Ein Teil habe ich sogar aus Tschechien besorgt.“ In rund zehn Wochen hat er den 15 PS starken, zweizylindrigen, luftgekühlten Schlepper, den seine Großmutter vor Jahrzehnten gekauft hatte, vollständig zerlegt und neu aufgebaut.

Sigrun und Edgar Mayer aus Wiesensteig waren mit einem zweizylindrigen, wassergekühlten Steyr, Baujahr 1953, beim Oldtimertreffen. Der österreichische Schlepper mit 30 PS ist zumindest im deutschen Raum eine echte Rarität. Das zeigt sich auch in Neidlingen, wo Fahrzeuge der Hersteller Lanz, Kramer, Porsche, Deutz und Güldner dominierten.

„Ich schätze an den Fahrzeugen die Faszination der Langsamkeit“, sagt Sigrun Mayer. „Man kann gemütlich die Straße entlangfahren, die Landschaft und die Aussicht genießen – das ist einfach ein schönes Erlebnis.“ Darüber hinaus wird das Ehepaar oft von Vereinen gefragt, ob es mit seinem Steyr auch bei Festen und Veranstaltungen vorfährt. So vergeht von Frühjahr bis Herbst kaum ein Wochenende, an dem Familie Mayer nicht mit einem ihrer Schlepper unterwegs ist. „Es macht Spaß, in zeitgenössischer Kleidung und mit historischem Gerät bei solchen Veranstaltungen dabei zu sein“, so Sigrun Mayer.

Beim Treffen stehen nicht nur die Ausstellungsstücke im Mittelpunkt. „Viele nutzen solche Gelegenheiten zum Austausch. Der eine oder andere hat einen Tipp, wo es Ersatzteile gibt oder einen bestimmten Traktor, den man schon lange sucht“, verrät Hans-Peter Kiltz. Das sei vor allem für Hobby-Einsteiger eine wertvolle Hilfe. Für seinen Lanz Bulldog, Baujahr 1952, den er sechs Monate lang restaurierte, hat sich Kiltz einen Anhänger gebaut, in dem er Bierbänke, eine anbaubare Zeltplane und sein Bett verstaut. „Wenn es regnet, ist das eine tolle Sache, und bei Treffen, zu denen man vorher anreist, bietet der Anhänger eine unkomplizierte Übernachtungsmöglichkeit“, erklärt Hans-Peter Kiltz.

Fotos: Daniela Haußmann

Die Faszination der Langsamkeit
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