Kirchheimer Umland

Die Frage nach dem Warum

Denkmal Der Vortrag zum Kornhaus findet nur wenig Resonanz, dabei war die Führung zur Kirchheimer Stadtmauer von einigen interessanten und überraschenden Fakten geprägt. Von Peter Dietrich

Archäologe Rainer Laskowski kennt alle Details über die Kirchheimer Stadtbefestigung.Foto: Peter Dietrich
Archäologe Rainer Laskowski kennt alle Details über die Kirchheimer Stadtbefestigung. Foto: Peter Dietrich

Fragt man nur nach dem Wer und dem Wann, kann Geschichte stinklangweilig sein: Wer lernt schon gerne Jahreszahlen und Namen auswendig? Viel wichtiger ist die Frage nach dem Warum: Bei Professor Peter Cheret ist das ganz klar der Fall. Als Wettbewerbsgewinner des Umbaus des Kirchheimer Kornhauses studiert er dessen Historie zurzeit sehr genau; im Großen Sitzungssaal des Rathauses gab er nun darüber Auskunft. „Wie stellen wir die Originalität des Gebäudes wieder her?“, beschrieb er seine Leitfrage. Manchmal ist das Warum klar, etwa beim schlechten Zustand der Hölzer: Nach dem Stadtbrand von 1690 sollte der Wiederaufbau schnell gehen, das Holz war nicht ausreichend getrocknet. In anderen Fällen bleiben Fragen: Warum wurde im Jahr 1958 der Putz entfernt, das Mauerwerk sichtbar freigelegt? Der Architekt jedenfalls weiß das bislang noch nicht.

Auch der Archäologe Rainer Laskowski fragt intensiv nach dem Warum. Bei der Führung zum Tag des offenen Denkmals gibt er seine Erkenntnisse zur Kirchheimer Stadtbefestigung gerne im Gespräch weiter. Sie spiegele vor allem die militärische Entwicklung wider. Auf die Stadtgründung um 1230 folgte der Bau der Stadtmauer, die etwa vier Meter davor gelegene Zwingermauer kam erst rund 100 Jahre später. Sie war eine Reaktion auf die aufkommenden Feuerwaffen. Dann kamen der Stadtgraben und der Wall dazu - die neu erfundene feindliche Kanonenkugel hatte somit einen weiten Weg vor sich. Um auch zur Verteidigung Artillerie einzusetzen, war der Wehrgang zu schmal. Dafür diente nun die Bastion als großflächiger Ausgangspunkt. Sie wurde mit Kalktuff hochgezogen.

Erneut stellt sich die Frage nach dem Warum: Diesen Stein gab es im nahen Lenninger Tal, in seiner Weichheit konnte er eine Kanonenkugel eher schlucken, als dass die Mauer einstürzte. Warum ist dann aber ein Teil der Bastion in anderen Steinen gemauert? Dieser Teil ging vor einigen Jahrzehnten bei einem Überschallknall zu Bruch und wurde historisch falsch instand gesetzt.

Auch die Höhenverhältnisse an der Martinskirche waren früher anders, der Unterschied in den Steinen ist an der Nordwand deutlich zu sehen. Die Seitenschiffe waren früher deutlich niedriger, denn lange Eichenbalken drohten zu brechen. Eine durchgängige Bauweise der Decke wurde erst mit der langfaserigen Fichte möglich.

Mit dem Bau der Zwingermauer rückten die Stadttore nach vorne, sie waren nun zwischen der Stadt- und Zwingermauer zu finden - man wollte ja dank einer Ausbuchtung außen an der Mauer entlang sehen können. Am Krautmarkt ist die Entwicklung der Tore gut zu erkennen.

In der Marktstraße, am Notzinger Tor, ist in den Jahren 1999/2000 aber ein Fehler passiert. Was dort, schräg in der Straße liegend, mit Steinen markiert ist, ist der Standort des ersten Tores, als es im 13. Jahrhundert nur die Stadtmauer gab. Das neuere Tor, sagt Rainer Laskowski, lag in der Straßenflucht zwischen der Stadtmauer und der neuen Zwingermauer, die im Boden ebenfalls angedeutet ist.

Doch warum gibt es hier in der Stadtmauer einen Knick? Dazu hat der Archäologe eine interessante These: „Womöglich war die Stadtmauer aus dem 13. Jahrhundert gar nicht die erste Befestigung.“

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