Kirchheimer Umland

Die Furcht vor der Dauerlösung

Unter den 275 Flüchtlingen in der Kreissporthalle sind auch viele Familien mit Kindern

Es war eine kurze Nacht. Nicht nur für die 275 Flüchtlinge, die seit Mittwoch in der Kirchheimer Kreissporthalle untergebracht sind. Auf die zahlreichen Betreuer wartete gestern früh ein gewaltiges Arbeitspensum.

Yasar Osman sitzt seit seiner Kindheit im Rollstuhl. Am Mittwoch ist der 43-Jährige Syrer als einer von 275 Flüchtlingen in Kirc
Yasar Osman sitzt seit seiner Kindheit im Rollstuhl. Am Mittwoch ist der 43-Jährige Syrer als einer von 275 Flüchtlingen in Kirchheim gelandet. Die Registrierung der Neuankömmlinge hielt gestern Betreuer und Mitarbeiter des Esslinger Landratsamts auf Trab. Foto: Jean-Luc Jacques

Kirchheim. Landrat und Asylsuchende sitzen seit gestern sozusagen gemeinsam am Tisch. Panierte Pute mit Gemüse und Kartoffeln, hinterher eine Banane, so sah der Speiseplan von Klinik-Küchenchef René Durand im Versorgungszelt auf dem Parkplatz neben der Kreissporthalle aus. Das Tagesmenü aus der Küche des Kirchheimer Kreiskrankenhauses bekamen zur gleichen Zeit wie immer auch die Mitarbeiter im Esslinger Landratsamt vorgesetzt.

Ein kleines Stück Normalität, von der auch gestern in und um die Kreissporthalle nur wenig zu spüren war. Lange Schlangen bei der Essensausgabe und auch nebenan im Foyer der Halle, wo Kreis-Mitarbeiter mit der Registrierung der 275 Neuankömmlingen vom Vortag beschäftigt waren. Die allermeisten stammen aus Syrien, der Rest aus Ländern Afrikas. Die Anspannung steht allen ins Gesicht geschrieben. Den Hilfesuchenden wie auch den Hilfskräften, die wie immer viel zu wenige sind. Die Kirchheimer Feuerwehr hat die Nachtwache übernommen, zum Brandschutz und um den Helfern am Tag eine Verschnaufpause zu ermöglichen. Zeit zu klagen, bleibt nicht. Doch der Ärger, viel zu spät über die Ankunft der Menschen gestern informiert worden zu sein, dringt allenthalben durch. Die wichtigste Nachricht: In der Nacht blieb alles ruhig. Eine Gruppe von etwa 40 Männern hatte am späten Abend auf dem Gelände einer benachbarten Tankstelle lautstark gegen die Unterbringung protestiert. Das Ganze war von kurzer Dauer und blieb friedlich, wie die Polizei gestern bestätigte.

Die Sorge um den Frieden in der Stadt ist etwas, das auch Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika-Matt Heidecker seit gestern verstärkt beschäftigt. Die Diskussion über Zuständigkeiten ist auch im Rathaus längst der Einsicht gewichen, dass es nur gemeinsam geht. „Wir werden helfen, wo immer wir können“, sagt Matt-Heidecker an die Adresse des zuständigen Landratsamts. Die Flüchtlinge verdrängten gestern jedes andere Thema in Rathaus und Kreisverwaltung. Vor allem die 43 Familienmitglieder, darunter etliche Kinder, die in der völlig überfüllten Halle hausen, sind ein Problem. „Wir prüfen, ob Gruppen mit Kindern in einer der Gemeinschaftsunterkünfte an anderen Orten unterkommen können“, sagt Landratsamts-Sprecher Peter Keck.

Gleichzeitig suchen Stadt und Landkreis gemeinsam und mit Hochdruck nach leer stehenden Wohnungen als Ausweichquartier für Familien. Eine Aufgabe, die aussichtslos scheint, denn nicht nur in Kirchheim wird jeder Quadratmeter, der in Betracht kommt, dringend gebraucht. Als Antwort auf die Frage nach der Anschlussunterbringung. Rund 160 Menschen mit Bleiberecht muss nach aktuellsten Schätzungen allein Kirchheim pro Jahr dauerhaft unterbringen. Ihren Masterplan, der auch die Versorgung Obdachloser einschließt, will Matt-Heidecker in zwei Wochen dem Gemeinderat zum Beschluss vorlegen.

Für Yasar Osman wird es vermutlich schneller eine Lösung geben müssen. Der 43-jährige Syrer sitzt seit seiner Kindheit im Rollstuhl. Mithilfe zweier Begleiter hat er es aus der zerbombten Heimat über die Türkei und die Balkanroute bis nach Kirchheim geschafft. Er zeigt seinen Pass. Ein zerfleddertes Stück grünes Papier zum Beweis seiner Herkunft. „Viele, die hier landen“, sagt er, „geben sich nur als Syrer aus.“ Yasar Osman wird vermutlich in einer Obdachlosenunterkunft der Stadt vorerst eine Bleibe finden.

Ganz anders stellt sich die Not dar, die sich für die angrenzende Schule aus der neuen Situation ergibt. Ulrike Hauke-Kubel ist erst seit wenigen Wochen die neue Leiterin der Jakob-Friedrich-Schöllkopfschule. Seit gestern fehlen ihr 30 Wochenstunden Sportunterricht, der noch bis Mittwochfrüh in der Kreissporthalle stattfand. Zusätzlich halb so viel an Kapazitäten beansprucht die benachbarte Max-Eyth-Schule. Den Unterricht einfach zu streichen, geht nicht, denn am Wirtschaftsgymnasium ist Sport Abitur-Prüfungsfach. „Wir sind gemeinsam mit der Stadt dabei, das Problem zu lösen“, strahlt die Schulleiterin Zuversicht aus. „Das bekommen wir hin.“ Als möglicher Ausweichort ist die Ötlinger Eduard-Mörike-Halle im Gespräch.

Im Gegenzug will die benachbarte Schule leer stehende Unterrichtsräume am Nachmittag für die Betreuung von Flüchtlingskindern zur Verfügung stellen. Schließlich weiß zurzeit niemand, wie lange die Halle Unterkunft bleibt. Die Furcht vor der Dauerlösung ist bei allen spürbar. „Wir brauchen ein Angebot für die Kinder, vor allem, wenn das Wetter schlechter wird“, sagt Jutta Woditsch, verantwortliche Betreuerin bei der Arbeiter-Wohlfahrt. „Die müssen ja irgendwann auch mal da raus.“

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