Kirchheimer Umland

„Die Kameradschaft ist das Wichtigste“

Jubiläum Der Musikverein Notzingen-Wellingen zeichnet Vizedirigent Siegfried Bosch beim Winterkonzert für 70 Jahre Treue aus. Die Geschichte hat angefangen, als er 13 Jahre alt war. Von Thomas Krytzner

Kaum ein Stuhl mehr frei: Das Winterkonzert des Musikvereins Notzingen-Wellingen. Fotos: Thomas Krytzner
Kaum ein Stuhl mehr frei: Das Winterkonzert des Musikvereins Notzingen-Wellingen. Fotos: Thomas Krytzner

Langjährige Mitglieder in Musikvereinen gibt es viele, die Ehrungen sind ein fester Bestandteil jeder Vereinsfeier. Dass allerdings jemand für 70 Jahre aktive Teilnahme im Vereinsleben geehrt werden kann, kommt sehr selten vor. In Notzingen gab es diese Premiere zum Winterkonzert: Der 83-jährige Vizedirigent Siegfried Bosch trat exakt 70 Jahre vor dem Konzertabend dem Musikverein bei.

Siegfried Bosch blieb seinem Waldhorn seit er 13 Jahre alt war treu und übernahm immer wieder Aufgaben für den Verein. So ist der Jubilar fast seit Beginn Vizedirigent und begleitet die Delegation der Notzinger Musiker, wenn es darum geht, auf Geburtstagen oder bei Beerdigungen zu spielen. Auch für das jährliche, regional bekannte Dätscherfest leistet er als Grälen-Meister einen wichtigen Beitrag. Er kümmert sich darum, Holz für die Grälen, die später zu Feuerholz im Ofen werden, zu beschaffen und bereitet die Holzhaufen vor, damit die Grälen gebunden werden können. Wie Staatssekretär Markus Grübel (CDU), Präsident des Blasmusikverbandes Esslingen, und Timo Frank, Präsident des Musikvereins Notzingen-Wellingen, in ihrer Laudatio bestätigten, kommt Siegfried Bosch beim Bläsernachwuchs mit seiner Herzlichkeit sehr gut an.

Beim Winterkonzert in der Notzinger Gemeindehalle erhielt der Geehrte unter anderem die Ehrenmedaille des Blasmusikverbands Baden-Württemberg mit Diamantband sowie eine Auszeichnung in Gold vom Verein.

Die Fußball-Weltmeisterschaft lässt zwar noch ein paar Monate auf sich warten, das Winterkonzert in Notzingen startete jedoch mit frisch gebackenen Weltmeistern aus den eigenen Reihen. Im Juli des vergangenen Jahres nahm das Jugendblasorchester am Welt-Jugend-Musikfestival in Zürich teil und setzte sich gegen 17 konkurrierende Orchester durch. Dass der Weltmeistertitel nicht von ungefähr kommt, zeigten die jungen Musiker in der Gemeindehalle. Sie entfachten zu Beginn ihrer Darbietung ein aztekisches Feuer.

Der Taktstock tanzt

Danach ließ Dirigent Thomas Ringhoffer den Taktstock zu Renegade Dances tanzen. Eine Tradition aus dem 16. Jahrhundert ist die Klezmer-Musik. Lange eingeschlafen, entwickelte sie sich in den 1970er-Jahren erneut. Klezmer bedeutet „Gefäß des Liedes“ und im Klezmer-Karnival, den das Jugendblasorchester spielte, waren verschiedene Tänze zusammengefasst. So freuten sich die Zuhörer unter anderem über einen rhythmischen Hochzeitstanz. Mit „Speedway“ beendete der Bläsernachwuchs seine Darbietung.

Etwas neidisch blickte Moderator Dietmar Späth auf die Weltmeister der Blasmusik. „Wir sind dafür die Weltmeister der Herzen“, stellte er fest und wies auf das Blasorchester. Noch beflügelt vom Erfolg am Kreiswertungskonzert in Großbettlingen, wo sich die Musiker das Prädikat „mit hervorragendem Erfolg“ holten, ging es in ihrem Konzert auf Länderreise: Das „Castrum Alemorum“ ist eine imposante Burg in den französischen Ostalpen. Dirigent Rainer Pfister schaffte es mit seinen Musikern, ein Stück französisches Flair in die Gemeindehalle zu zaubern. Doch Schluss mit dem „Laissez-faire“: Die Reise ging weiter zu den grünen Wiesen und Schlössern nach Irland.

Die „Kilkenny Rhapsody“ von Kees Vlak öffnete die Schatzkammer Irlands und stellte Land und Wesen der Bevölkerung vor. Im letzten Teil auf der grünen Insel, lernte das Publikum auch noch die typische Musik in den Irish Pubs kennen. Danach folgte der Marsch „Kaiserin Sissi“, den Siegfried Bosch dem Verein gespendet hatte. Es folgte ein Überseeflug zum „Devils Tower“. Die Bläser überzeugten mit dem Stück um die markante Bergspitze im US-Bundesstaat Wyoming, bevor sie noch englische Folk Songs zum Besten gaben.

Kaum ein Stuhl mehr frei: das Winterkonzert des Musikvereins Notzingen-Wellingen. Fotos: Thomas Krytzner
Kaum ein Stuhl mehr frei: das Winterkonzert des Musikvereins Notzingen-Wellingen. Fotos: Thomas Krytzner

Fünf Fragen an Siegfried Bosch

Kaum ein Stuhl mehr frei: das Winterkonzert des Musikvereins Notzingen-Wellingen. Fotos: Thomas Krytzner
Kaum ein Stuhl mehr frei: das Winterkonzert des Musikvereins Notzingen-Wellingen. Fotos: Thomas Krytzner

1. Sie sind seit 70 Jahren Mitglied im Musikverein Notzingen-Wellingen. Wie behält man so lang die Freude an der Musik?

Das geht nur, wenn die Frau mitmacht, und Musik muss einem gefallen. Wir sind eine rundum musikalische Familie. Tochter und Sohn spielen ebenfalls in verschiedenen Musikvereinen. Ich habe mich von Anfang an immer auf die Musikstunde gefreut. Seit vielen Jahren bin ich zudem Vizedirigent und spiele noch in einer anderen Musikkapelle.

2. Welche Höhepunkte in der Vereinsgeschichte bleiben unvergessen?

Die Teilnahmen an den Bundesmusikfesten. Aber auch der Anfang meiner Musikerkarriere. Mit sechs Mann starteten wir eine Jugendkapelle im Jahr 1948. Von diesen leben heute nur noch zwei. Das erste Konzert bestritten wir in Lauffen am Neckar und es war gleich ein großer Erfolg. Uniformen gab es noch keine. Wir bekamen aus der Gemeinde blaue Polohemden, damit wir einheitlich aussehen.

3. Spielen oder dirigieren Sie lieber?

Ich spiele gerne mein Instrument, das Waldhorn. Begonnen habe ich mit dem S-Horn und hab dann umgesattelt. Den Taktstock schwinge ich schon jahrelang. Das macht zwar auch Spaß, aber heute gibt es immer modernere Stücke, die überlasse ich gerne den jungen Dirigenten.

4. Was ist für Sie das Wichtigste an der Musik?

Eindeutig die Kameradschaft. Es gibt einen guten Zusammenhalt im Verein. Das ist auch wichtig, gerade bei einer Feier, wie zum Beispiel beim Winterkonzert oder dem jährlichen Dätscherfest. Wenn man den Samstag und Sonntag miteinander bestreitet, ist die gute Zusammenarbeit erforderlich. Für mich ist die Musik aber auch eine willkommene Abwechslung. Deshalb spiele ich auch noch bei Willis Blasmusik. Dort spielen wir mit Wilhelm Schwarz vor allem böhmische Stücke.

5. Wie geht es weiter mit Ihnen und der Musik?

Ich habe im Sinne, im Verein so langsam kürzer zu treten und aufzuhören. Ich freue mich, solange es die Gesundheit noch zulässt, mein Waldhorn zu blasen und so der Musik weiterhin treu zu bleiben. kry

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