Kirchheimer Umland

Die Landschaft lesen wie ein Buch

Porträt Die Nürtingerin Felicitas Wehnert hat sich auf die Suche nach geheimnisvollen Geschichten rund um die Schwäbische Alb gemacht und einen äußerst informativen Wanderführer verfasst. Von Andrea Rothfuß

Felicitas Wehnert hat das Buch geschrieben, Ehemann Manfred Schäffler die Fotos beigesteuert. Foto: Andrea Rothfuß
Felicitas Wehnert hat das Buch geschrieben, Ehemann Manfred Schäffler die Fotos beigesteuert. Foto: Andrea Rothfuß

Wandern, innehalten, Kraft tanken - das kann auf der Schwäbischen Alb jeder. Doch wer die Landschaft „lesen“ möchte, der kann dies dank Felicitas Wehnerts neuem Buch nun ebenfalls, denn viele Epochen haben auf der Alb heute noch sichtbare Spuren hinterlassen.

Felicitas Wehnert kennt und liebt die Natur und Kultur des Landes. Und sie kann auf eine jahrzehntelange Erfahrung zurückblicken. Die Autorin hat Politik, Germanistik und Empirische Kulturwissenschaften studiert, war in Baden-Baden beim Südwestfunk für Dokumentationen zuständig und hat viele Jahre die SWR Fernsehredaktion Landeskultur und Feature geleitet. Diesen Schatz an Erfahrungen lässt sie, seitdem sie vor vier Jahren in den Ruhestand ging, in ihre Bücher einfließen. Im Belser Verlag hat sie bereits sechs Bücher veröffentlicht. Langweile nach Ende der beruflichen Karriere kennt sie nicht.

Ihr aktuelles Buch „Geheimnisvolle Wanderungen auf der Schwäbischen Alb: Was Landschaften erzählen“ vereint Wanderlust und ihre umfassende Kenntnis der Landesgeschichte und Kultur. Beteiligt ist an dem Buch auch ihr Ehemann Manfred Schäffler. Er fotografiert und filmt die Natur und alte Handwerkskunst. Die Idee zu dem Buch war im Herbst 2018 geboren. Dann wanderte das Paar im Frühjahr und Sommer 2019 etwa 300 Kilometer über die Schwäbische Alb. Felicitas Wehnert konzentrierte sich auf die Geschichte, die die Natur und Landschaft erzählen, Manfred Schäffler fing die passenden Bilder mit der Kamera ein. Und so waren beide mit Fotoapparat und Notizblock auf verwunschenen Pfaden unterwegs.

„Ich finde Kulturgeschichte wahnsinnig spannend und wollte deswegen ein geschichtenerzählendes Wanderbuch verfassen. Mir geht es darum, die Landschaft zu lesen, zu entdecken“, so Felicitas Wehnert. Damit meint sie zum Beispiel die ehemaligen Felsenriffe auf der Alb, die vom tropischen Jurameer zeugen, wo Seelilien und Korallen wuchsen und Haie, Krokodile und ­Fischsaurier jagten. Bei den 19 Wanderrouten können die Leser Spuren verschiedener Epochen entdecken und fesselnde Geschichten erfahren. Eine von Felicitas Wehnerts Lieblingsgeschichten ist die der Nebelhöhle bei Sonnenbühl-Genkingen. 480 Meter der Schauhöhle sind begehbar, bis zu 50 Meter geht es bei acht Grad unter die Erd­oberfläche. Und, so beschreibt es Felicitas Wehnert weiter, fast am Ende der Höhle ist ein Jahrmillion alter Stein auch Teil der jüngeren Geschichte geworden. Teile dieses riesigen Tropfsteins wurden mit Sondergenehmigung abgesägt und in dünne Scheiben geschnitten. Damit wurde die Wandverkleidung im Treppenhaus des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Stuttgarter Neuen Schlosses originalgetreu wieder hergestellt.

Die Schwäbische Alb hat eine ganze Menge zu erzählen

An der Friedhofskapelle in Donzdorf führt eine der Touren vorbei. DerLeser erfährt deren grausame Geschichte. Foto: Andrea Rothf
An der Friedhofskapelle in Donzdorf führt eine der Touren vorbei. DerLeser erfährt deren grausame Geschichte. Foto: Andrea Rothfuß

Region. Mit Geist und Füßen die Schwäbische Alb erleben - das möchte das neue Buch von Felicitas Wehnert. Unter dem Titel „Geheimnisvolle Wanderungen auf der Schwäbischen Alb: Was Landschaften erzählen“, ist es im Stuttgarter Belser Verlag erschienen. Der Teckbote hat darin geblättert und festgestellt: Hier wird nicht zuviel versprochen.

19 Wanderrouten, beschrieben auf 160 Seiten und bebildert mit 140 Fotos - ein Taschenbuch, das gut in den Wanderrucksack passt - so könnte man es kurz und ­prägnant zusammenfassen. Aber es ist eben mehr als ein reines Wanderbuch mit Beschreibung der Routen. Denn hier werden die Spuren vergangener Epochen erklärt, die man bei den Touren normalerweise nicht unbedingt wahrnehmen würde.

Jede Route ist eine halbtägige Wanderung, kein Spaziergang, deswegen sollte man mit Wanderschuhen und einem Rucksack mit Proviant und Wasser ausgerüstet sein. Prägnante Informationen geben vorab einen Überblick über die Länge, Dauer, Höhenmeter sowie den Start- und Zielpunkt. Genau beschrieben sind Wegzeichen, und man bekommt Tipps für die Anreise sowie zu Einkehrmöglichkeiten.

Infos zu vielerlei Themen

Die 19 Routen decken neben den reinen Wegbeschreibungen auf einer zweiten Ebene viele Themen ab, ob Dichtung, Forschung, Kirche und Macht, Bergbau, Überlebenskämpfer oder auch Eisenbahngeschichte. Ein Beispiel: Auf der Wanderung „Kapellen rund um Donzdorf: Zu den heiligen Helfern“ kommt man an acht außergewöhnlichen Kapellen vorbei. Die Friedhofskapelle in Donzdorf birgt eine grausame Geschichte. Sie wurde 1739 erbaut und ist der Heiligen Barbara geweiht. Ihr Vater, so erfährt der Leser, wurde vom Blitz getroffen, als er seine Tochter rasend vor Wut und eifersüchtig enthauptete. Seither, so sagt der Mythos, leistet sie Sterbenden Beistand. Ebenso grausam die Geschichte der Ruine Hohenurach in der Nähe der Uracher Wasserfälle: Die Festung wurde 1025 von den Uracher Grafen erbaut, Herzog Eberhard hielt dort seinen geisteskranken Vetter gefangen. Später diente die Burg als Staatsgefängnis.

Umso lieblicher dagegen ist der Blick auf die Wasserfälle und das Uracher Tal, den Gustav Schwab - Verfasser des ersten Reiseführers für die Schwäbische Alb - beschrieben hatte. So war er für ihn schon 1837 ein Ort, der „alle Schönheiten der Albnatur in größter Vollständigkeit und Fülle in sich vereinigt“. Andrea Rothfuß

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