Kirchheimer Umland

Die Orgel beginnt zu erzählen

Thomas Gindele und Thomas Specker präsentieren drei Märchen als große Kunst

Kirchheim. Dass große Kunst und tiefe Weisheit auch in einem nahbaren, gänzlich unprätentiösen Ge-

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wand daherkommen können, stellten Thomas Gindele und Thomas Specker mit ihrer Aufführung der drei Märchen für Erzähler und Orgel in der katholischen Kirche Sankt Ulrich eindrucksvoll unter Beweis.

Mag sein, dass der eine oder andere Hörer aus den Reihen des generationenübergreifend versammelten Publikums den Namen Enjott Schneider zum ersten Mal gehört hat. Mit der Musik des Münchner Komponisten und Hochschullehrers mag er dennoch vertraut sein. Denn Schneiders rege Produktivität richtet sich nicht nur auf den Kirchenraum, den Konzertsaal oder die Opernbühne, der preisgekrönte Tonkünstler zeichnet zudem für die Musik von über 500 Kino- und Fernsehfilmen verantwortlich. „Schlafes Bruder“ und „Herbstmilch“ seien hier nur exemplarisch genannt, nicht zuletzt ihrer cineastischen Sogwirkung wegen, die aus einer wirkungsvollen Verzahnung von Bild und Klang resultiert.

Qualitäten, die auch den „Drei Märchen“ zugute kamen, in denen sich Schneider ebenso als intimer Orgelkenner wie als mit allen Wassern gewaschener Soundtrackprofi entpuppt. Viel liegt natürlich in den Händen der ausführenden Künstler. Ein spannender Erzähler ist ebenso vonnöten wie ein fantasievoller Organist, der aus der Kenntnis seines Instruments heraus die jeweils dramaturgisch passende Klangdisposition zu finden vermag.

Am eingespielten Duo mit Erzähler Thomas Gindele und Dekanatskirchenmusiker Thomas Specker an der hervorragend in Szene gesetzten Göckel-Orgel hätte der Komponist fraglos seine helle Freude gehabt – so wie auch Jung und Alt, die der Einladung zu diesem besonderen Familienkonzert nach Sankt Ulrich gefolgt waren.

Basierend auf traditionellen Vorlagen, führten die Märchen ins ferne Japan, in nordafrikanische Oasen und den muslimischen Orient. Vergnügliche kleine Parabeln, die jedoch Gewichtiges zu verhandeln wussten: die Kunst der Lebensführung etwa oder die Sinnhaftigkeit biografischer Beschwernisse. Die Erzählung „Gott und der Friseur“ unternahm sogar den gleichermaßen humorvollen wie spekulativen Versuch eines Gottesbeweises.

Bei all dem war die Orgel stets präsent. Nicht nur mit illustrierender, immer wieder überraschend originell auskomponierter Lautmalerei, auch in der Rolle einer bildgewaltigen Erzählerin war sie zu erleben.

So etwa in der mit großer Plastizität geformten Klangschilderung einer zu strahlender Größe herangewachsenen Palme, oder auch bei der eindringlichen musikalischen Beschwörung des orientalischen Lokalkolorits in einem arabischen Barbierladen.

Gerade einmal eine halbe Stunde dauerte das Konzert, das somit auf die Bedürfnisse der jungen und jüngsten Hörer abgestimmt war. Quantität und Qualität sind aber nicht einfach zu verrechnen. Enjott Schneiders musikalische Märchen jedenfalls hallen noch weitaus länger nach.