Kirchheimer Umland

Die Postwachstumsparty beginnt jetzt

Wie kann Wirtschaft ohne Wachstum funktionieren? – Vortrag mit Ökonom Niko Paech von der Uni Oldenburg in der Kirchheimer Stadthalle

Alles, was man unter dem Begriff wirtschaftliches Wachstum zusammenfassen kann, hält Niko Paech, Ökonom an der Universität in Oldenburg, für fatal. Warum? Weil es auf Kosten natürlicher und menschlicher Ressourcen gehe und weil maßloser Konsum die Menschen in einer Wohlstandsgesellschaft offenbar nicht glücklich mache.

Kirchheim. „Postwirtschaftswachstum“ lautet Paechs Zauberwort, das einige Lösungsansätze für das Wachstumsproblem beinhaltet. Welche genau, und wie man sie umsetzen kann, erklärte der Wirtschaftswissenschaftler in der Kirchheimer Stadthalle. Der Preis für ein neues Paar Schuhe fängt heute bei wenigen Euro an. Die Reparatur kaputter Schuhe kostet hingegen meist deutlich mehr. Es liegt also nahe, sich für den Kauf der günstigen Schuhe zu entscheiden.

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Das setzt voraus, dass stets neue Schuhe für wenig Geld hergestellt werden. Billige Preise können aber nur entstehen, indem die meisten Produktionen ins Ausland verlagert werden, wo jedes Einzelteil mit niedrigen Kosten und oft unter miserablen sozialen Bedingungen hergestellt wird. Die Erstellung der Maschinen und Produktionsstätten, die Produktion selbst und der Transport der einzelnen Teile braucht Energie – Elek­trizität und in jedem Fall Rohöl. „Alles in diesem Raum hängt vom Rohöl ab – bis auf die Luft, die wir atmen“, sagt Niko Paech. Rohöl ist eine endliche Ressource. Sein Preis kann derzeit durch Förderungsmethoden wie Fracking niedrig gehalten werden. Paech glaubt aber, dass die „Frackingblase“ bald platzen wird.

Energie aus regenerativen Quellen sind die einzige Alternative zu Atomenergie und Kohle, so der Wirtschaftswissenschaftler. Der Ausbau der In­frastruktur zur Gewinnung von Wind- oder Solarenergie gehe allerdings auf Kosten der Natur, da große Flächen benötigt werden. „Wir wollten Klimaschutz, um die Umwelt zu retten. Jetzt zerstören wir die Umwelt, um den Klimaschutz zu retten“, sagte Paech. Um außerdem das EU-Ziel der Begrenzung der globalen Erwärmung auf zwei Grad zu erreichen, dürfe jeder Mensch auf der Welt pro Jahr ab sofort nur zwei Tonnen CO2 pro Jahr ausstoßen. Ein Flug von Deutschland nach New York braucht Paechs Berechnungen zufolge (hin und zurück) allein vier Tonnen pro Person; mit Australien als Ziel seien es 14 Tonnen.

Neben den ökologischen Grenzen gibt es weitere Gründe, die die Titelthese des Vortrags „Die Wachstumsparty ist vorbei“ bekräftigen sollen, zum Beispiel psychische Probleme und Finanzkrisen. Mehr Konsum mache Menschen in einer Wohlstandsgesellschaft offenbar nicht glücklich; gleichzeitig sei es schwierig, ohne Konsumgüter wie Smartphone, Computer und Fernseher am sozialen Leben teilhaben zu können. Die steigenden Verschreibungsraten von Burn-out sieht Paech unter anderem als Zeichen dafür, dass die Konsumgesellschaft, auch was das persönliche Wohl von Menschen betrifft, keine ideale Lebensform ist.

Die Alternative zur Wachstumsparty? Postwachstumsökonomie. Hinter dem etwas sperrigen Begriff verbergen sich einfache Anweisungen: Energie sparen, industrielle Produktion reduzieren, die Selbstversorgung ausbauen. Konkret bedeutet das: Lebensmittel selbst anbauen, Fahrräder, Computer, Kleidung reparieren statt immer Neues zu kaufen, regional wirtschaften, in Gemeinschaften teilen und generell weniger verbrauchen. „Postwachstum bedeutet vor allem kreatives Weglassen.“

Menschen sollten „gemeinsam fröhlich ausscheren“ aus den jetzigen Verhältnissen, Werkzeug und andere Dinge teilen, mehr tauschen oder selbst etwas handwerklich herstellen, sagte Paech. Zeit dafür wäre durch die Reduktion der industriellen Produktion vorhanden. Physische Arbeit aus dem Leben verbannen, mache verletzlich, wie man am Beispiel Griechenland sehen könne: Wenn man kein Geld mehr vom Konto abheben kann und die Supermärkte leer sind, sei es gut, zu wissen, wie man eine Kartoffel in die Erde steckt, sodass sie sich vermehrt und man etwas zu essen hat. „Prosumieren“ nennt Paech das. Mit regionaler Wirtschaft ließe sich außerdem viel Energie sparen.

Das ganze soll Spaß machen. „Es geht nicht darum, die Steinzeit wiederzubeleben, sondern modern und kreativ zu sein.“ In diesem Sinn könnte man den Vortragstitel so ergänzen: „Die Postwachstumsparty beginnt jetzt.“