Kirchheimer Umland

Die Sau rauslassen

Meerschweinzüchter treffen sich in Lindorf und stellen sich dem Urteil der Preisrichter

Bei der Meerschweinchenschau in Lindorf lassen sich die gutmütigen Tiere durch Preisrichter Herbert Janssen aus Bremen von allen
Bei der Meerschweinchenschau in Lindorf lassen sich die gutmütigen Tiere durch Preisrichter Herbert Janssen aus Bremen von allen Seiten begutachten.Fotos: Monika Riemer

Kirchheim. Meerschweinchen sind putzige, unkomplizierte Nager, die bevorzugt zur Kinderbelustigung dienen und sich im Zweifel vermehren wie die Karnickel. So oder so

ähnlich stellen sich die meisten Leute das Haustier Meerschweinchen vor. Wer den kleinen Fellknäueln mit den Knopfaugen verfallen ist, sieht das allerdings etwas anders. Wie die Meerschweinchenausstellung in Lindorf gezeigt hat.

Herbert Janssen kommt aus Bremen. Er betreibt eigentlich eine Massage- und Wellnesspraxis, aber er ist eben auch Preisrichter für den LMC, den Langhaar Meerschweinchen Club Deutschland. Etwa ein- bis zweimal im Monat begutachtet er Meerschweinchen in ganz Deutschland, aber auch in Spanien oder in Tschechien. Deshalb ist er auch nach Lindorf gekommen.

Und nun hockt vor ihm auf dem Tisch Leandra, ein neugieriges, aber ansonsten völlig entspanntes Meerschweinchen. Janssen streicht ihr mit einem Finger durchs Fell. Neben ihm sitzt eine Frau, die notiert was er zu Leandra sagt: „Bauch: Sehr gut. Kopf: Hervorragend. Augen: Hervorragend. Gute Ohren.“

Auf der anderen Seite des Tisches ist die Besitzerin von Leandra, die Lindorferin Ramona Bader ist gespannt auf das fachliche Urteil. Janssen gibt ihr Tipps zum Weiterzüchten. Aber Bader hat bereits einen Interessenten für die kleine Sau. So heißen die weiblichen Meerschweinchen, die männlichen sind die Böcke. Janssen schäkert mit Leandra: „Bist du vielleicht doch nicht verkäuflich?“, und er hält das immer noch entspannte Tier in die Höhe und fragt augenzwinkernd ins Publikum: „Wer braucht noch ein schönes Mädchen?“

Die rund 25 Meerschweinchenfreunde lachen. Von überall sind sie angereist: aus dem Südschwarzwald, Karlsruhe, aus Bayern und Thüringen und sogar aus Holland. Sie haben ihre Familien im Schlepptau und etwa 80  Hauptpersonen – Meerschweinchen aller Formen und Farben. Die sitzen in Reiseboxen und Käfigen und warten auf ihren Auftritt.

Der hat es in sich, denn die Präsentation der Tiere zählt zum Gesamtergebnis. Die Vorsitzende des LMC, Marion Werner aus Landsberg, erklärt, dass auch Kurzhaarmeerschweinchen zur Prüfung zugelassen sind. In Lindorf stellen sich zwölf Züchter mit ihren Tieren dem Fachurteil. Als Züchter angemeldet müssen sie nicht sein. „Es geht einfach darum, zu erfahren, in welche Richtung die eigene Zucht geht. Damit man einen Vergleich hat“, sagt Werner und regt sich einen Moment später darüber auf, dass sie den Kamm im Hotelzimmer vergessen hat. Die Langhaarrassen müssen nicht bloß vor der Prüfung, sondern auch sonst regelmäßig gekämmt werden. Das ist wichtig, damit sich keine Knoten im Fell bilden und sich keine Parasiten einnisten. Genauso gehört es dazu, die Meerschweinchenohren zu putzen und die Krallen zu schneiden. Vor allem die langhaarigen Tieren nehmen vor der Präsentation ein Bad. „Die finden das nicht wirklich toll“, berichtet Ramona Bader. Weil das Bad bei einem hellen Fell nicht wirklich gegen farbige Gemüsespuren hilft, gibt es Tage vor der Ausstellung weder Rote Rüben, noch Karotten.

Obwohl eines von Baders Meerschweinchen „Nutella-Nase“ heißt, bevorzugen die Nager nicht die braune, süße Schmiere aus dem Glas, sondern mümmeln sich am liebsten durch grünes Futter. Wichtig ist ein hoher Faseranteil. Gras von der Wiese ist dafür ideal. „Ist das frisch und sind viele Kräuter und Blumen dabei lassen die jede Karotte dafür liegen“, beschreibt Bader die kulinarischen Vorlieben ihrer rund 80 Tiere.

Im Winter gibt es Heu, das Bader bei einem örtlichen Landwirt kauft. Der extrem hohe Bedarf an Vitamin C, den die Meerschweinchen haben, lässt sich vor allem durch Frischkost decken. Außerdem ist die in Gras enthaltene Kieselsäure besonders wichtig, damit sich die Zähne der Nager gleichmäßig abnutzen. Am besten eignet sich da der Ackerschachtelhalm. Den und andere Leckereien zur Ergänzung des Speisezettels findet Ramona Bader bei ihren Spaziergängen. Deshalb hat sie auch immer eine Gartenschere und eine Tüte im Gepäck.

Meerschweinchen sind reine Pflanzenfresser. Was kaum jemand weiß: Obwohl Meerschweinchen drei bis vier Wochen lang gesäugt werden, knabbern sie bereits zwei Stunden nach ihrer Geburt am ersten Löwenzahn oder nagen an einem Grashalm. Früh übt sich eben, was ein Veganer werden will.

Keine Tiere zum Schmusen

Ramona Bader
Ramona Bader

Was muss man beachten, wenn man seinen Kindern ein Meerschweinchen kaufen will?

RAMONA BADER: Zunächst sind Meerschweinchen gar nicht so sehr die idealen Tiere für Kinder. Sie eignen sich eher zum Beobachten als zum Schmusen. Wenn einem Kind das Tier entgleitet und sich etwas bricht, dann muss man es meist einschläfern.

Kann man bloß ein Tier im Käfig halten?

BADER: Meerschweinchen sind sehr gesellig und haben ein ausgeprägtes Sozialverhalten. Zwei Tiere sollten es also mindestens sein. Perfekt ist ein männliches und dazu ein paar weibliche Meerschweinchen. Das ist ähnlich wie bei einem Hahn und seinen Hennen. Außerdem sind die meisten Käfige viel zu klein. Meerschweinchen benötigen Auslauf. In einem Freigehege können sie sich austoben. Bloß nachts sollten sie wegen Katzen, Mardern und Füchsen reingenommen werden.

Was mache ich dann dagegen, dass aus zwei nicht schnell zig Meerschweinchen werden?

BADER: Eine Sau wird alle zwei Wochen brünstig. Junge Meerschweinchen-Böcke können bereits mit wenigen Wochen geschlechtsreif sein. Sinnvoll ist hier die Frühkastration bei 250 bis 280 Gramm schweren Tieren. Ich gebe die Männchen an Liebhaber bloß kastriert ab. Wer da keine Ahnung hat, hat in kürzester Zeit ein furchtbares Chaos.

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