Kirchheimer Umland

Drohne soll Rehkitze retten

Natur Während der Mähsaison kommt es immer wieder zu Wildunfällen, weil Rehkitze von Landwirten übersehen werden. In Dettingen soll eine Drohne die Tiere künftig rechtzeitig aufspüren. Von Antje Dörr

Die Rehkitze treiben Jochen Sokolowski im Sommer frühmorgens aus den Federn. Gibt ein Landwirt ihm Bescheid, dass er mähen möchte, sind der Jagdpächter und seine Kollegen um 4.30 Uhr vor Ort, um die Wiese abzusuchen. Die Jungtiere liegen regungslos im hohen Gras und sind den Mähmaschinen deshalb schutzlos ausgeliefert. Hätte er eine Drohne zur Verfügung, müsste Sokolowski zwar immer noch früh raus. „Wir hätten aber Vorteile dadurch, dass wir nicht die Wiese ablaufen müssten oder tagelang vergrämen“, sagt der Obmann der Jagdpächtergemeinschaft. Wird ein Rehkitz gefunden, nehmen die Jäger es vorsichtig aus der Gefahrenzone und setzen es anschließend wieder an dieselbe Stelle zurück.

Der Dettinger Gemeinderat hat dem Wunsch der Jagdpächter in seiner jüngsten Sitzung stattgegeben und beschafft eine Drohne, die aber erst 2022 eingesetzt werden kann. Grund sind lange Lieferzeiten und die anstehende Klassifizierung durch die neue EU-Drohnenverordnung, die die Gemeinde abwarten möchte. Kämmerer Jörg Neubauer rechnet mit 8 000 bis 10 000 Euro Anschaffungskosten für das Fluggerät. Das deckt sich mit den 10 000 Euro Jagdpacht, die die Pächter der Gemeinde Dettingen jährlich bezahlen. Den Drohnen-Führerschein wollen Sokolowski und ein Kollege absolvieren und aus eigener Tasche bezahlen.

Streit gab es im Gemeinderat darüber, wie der Zeitraum ohne eigene Drohne überbrückt werden kann. Die Gemeinde hatte vorgeschlagen, dass die Jagdpächter übergangsweise einen Anbieter für die Drohnen-Flüge beauftragen: nämlich Stefan Russ, der eine solche Drohne besitzt und für die CDU/FWV im Dettinger Gemeinderat sitzt. Das gefiel Peter Beck (SPD/Grüne) überhaupt nicht. „Ich weiß, dass es kein Gesetz dagegen gibt, aber für mich persönlich ist eine Geschäftsbeziehung zwischen Gemeinde und Gemeinderäten schwierig“, sagte er. Außerdem äußerte er Unverständnis darüber, dass die Rehkitz-Rettung erst jetzt auf die Tagesordnung komme. „Auch 2020 war das Thema schon auf der Agenda. Warum hat man das nicht früher gemacht?“

Bürgermeister Haußmann wies den Vorwurf, zu spät gehandelt zu haben, als unbegründet zurück. „Vielleicht merken Sie auch, dass Corona ist“, sagte er genervt. Ein Mitglied des Gemeinderats dürfe wie jeder andere Mensch Angebote an die Gemeinde machen. „Es ist Ihre Entscheidung, ob er ausgewählt wird oder nicht.“ Auf Becks Frage, ob es keinen anderen Anbieter gebe, sagte Jochen Sokolowski, es gebe jemanden „aus dem Lenninger Tal“, der jedoch nicht günstiger sei. Jörg Neubauer wies darauf hin, dass sich die Zeitpläne der Landwirte für das Mähen aufgrund des Wetters oft kurzfristig änderten. „Aufgrund der Fahrwege hätte es keinen Sinn gemacht, noch mehr Anbieter anzufragen“, sagte er.

Die Drohne, die die Gemeinde beschaffen will, soll auch von der Feuerwehr zur Brandbekämpung eingesetzt werden. Markus Lotz (CDU/FWV) wollte wissen, ob es Feuerwehrleute gibt, die sie fliegen können. Seines Wissens nach gebe es eine Person, die eine Drohne fliegen könne, sagte Jörg Neubauer. „Ob er einen Führerschein hat, kann ich nicht sagen.“ Ein Mitarbeiter sei bereit, den Führerschein zu machen.

Am Ende sprach sich der Gemeinderat mehrheitlich dafür aus, Stefan Russ für die Saison 2021 mit der Rehkitz-Rettung zu beauftragen. Es gab eine Gegenstimme und zwei Enthaltungen.

Deshalb sind Rehkitze gefährdet

Im Mai und Juni gebären die Muttertiere in der Regel ein bis zwei Kitze. Nach der Geburt werden die Kleinen von ihren Müttern zum Schutz vor größeren Tieren im hohen Gras abgelegt. Besonders Wiesen in Waldnähe werden von den Geißen als Kinderstube bevorzugt ausgewählt. Das Muttertier sucht die Kitze nur zum Säugen und Reinigen auf, die restliche Zeit liegen sie gut versteckt im hohen Gras.

Einen Fluchtinstinkt haben die Rehkitze in den ersten beiden Lebenswochen noch nicht. Stattdessen drücken sie sich bei Gefahr flach auf den Boden. Erst ab der dritten Lebenswoche sind sie in der Lage, bei drohender Gefahr aufzustehen und zu flüchten.

Die Mähsaison beginnt während der ersten Lebenswochen der Rehkitze. Dabei passiert es immer wieder, dass die Rehkitze von den Messern der Mähmaschinen schwer verletzt, verstümmelt oder getötet werden. pm

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