Kirchheimer Umland

Ein Fremder, der viel über mich weiß

Briefe schreiben ist altmodisch. Eine Kommunikationsform von vorgestern. Das kann man so sehen. Für mich ist Briefe schreiben eine sehr persönliche und intensive Begegnung. Meinen Brieffreund Matthias habe ich mit 13 kennengelernt. Im Urlaub. Seither schreiben wir uns. Matthias wohnt in Mannheim, es wäre ein Klacks, ihn zu besuchen, ganz zu schweigen von Telefon oder WhatsApp. Aber wir schreiben seit über 40 Jahren Briefe. Wir erzählen uns viel, wohl wissend, dass es beim anderen gut aufgehoben ist. Vor einigen Jahren haben wir uns getroffen, was merkwürdig war. Vor mir saß ein Fremder, den ich das letzte Mal als Jugendliche gesehen hatte. Dieser Fremde wusste richtig viel von mir. Wir schreiben uns immer noch. Gerade in Zeiten des Abstands ist ein Brief eine besondere Freude, vielleicht auch eine Überraschung. Matthias schreibt Minimum drei Seiten in seiner kleinen, schwer lesbaren Handschrift. So viel muss es gar nicht sein, aber handschriftlich sollte ein Brief auf alle Fälle sein. Am besten auf schönem Papier, geschrieben mit einem edlen Stift. Bevor ich losschreibe, konzentriere ich mich kurz auf Matthias, dann beginne ich mit etwas, das sich auf seinen letzten Brief bezieht. Anschließend erzähle ich ihm, was mich sorgt oder bewegt, berichte von lustigen Begebenheiten, schildere Neuigkeiten oder wir fetzen uns wegen Politik. Wenn ich Matthias schreibe, bin ich ganz bei ihm und bei mir, schaue nicht nach meinen Mails oder surfe im Internet. Mein Brief kommt immer von Herzen, ohne schwülstige Formulierung, so, wie ich spreche. Matthias und ich schreiben uns nicht häufig, vielleicht viermal im Jahr. Aber immer, wenn ich im Briefkasten einen Umschlag mit seiner krakeligen Handschrift sehe, freue ich mich sehr. il


Anzeige