Kirchheimer Umland

Ein kaputtes Brotmesser als einzige Waffe

Vortrag Kreisarchivar Manfred Waßner führt seine Zuhörer anhand von sieben Leitfragen durch die gesamte mittelalterliche Geschichte Dettingens. Von Andreas Volz

Manfred Waßner klärt Fragen zur Geschichte Dettingens.
Manfred Waßner klärt Fragen zur Geschichte Dettingens.

Wie viele ungehobene Schätze der Dettinger Geschichte gibt es? Das war die erste von sieben Fragen, mit denen Kreisarchivar Manfred Waßner das Publikum des Freundeskreises Ortsgeschichte bestens unterhielt. Zahlreiche Dokumente sind noch nicht ausgewertet. Als Beispiel nannte der Kreisarchivar Inventare, Teilungen und Heiratsverzeichnisse aus dem 18. Jahrhundert: „Mit den Daten, die man da findet, könnte man eine Sozialgeschichte Dettingens schreiben.“

Wussten Sie, dass ein Mönch eine wichtige Rolle für Dettingen spielte? In der ersten schriftlichen Erwähnung von 1251 taucht ein „Mönch von Dettingen“ auf. „Conradus dictus monachus de Tettingen“ heißt es da. Mönch war dieser Konrad freilich nicht, sondern Angehöriger des Niederadels, erläuterte Manfred Waßner. Er ist namentlich aufgeführter Zeuge einer Urkunde, in der Ludwig von Teck dem Kloster Bebenhausen gestattet, Schenkungen seiner Dienstmannen anzunehmen. Was aber hat es mit dem „Mönch“ auf sich? „Das war ein Spitzname, und kein liebevoller: Unter ,Mönch‘ verstand man ein kastriertes Ferkel.“

Wie viele Burgen gab es in Dettingen? Ganze fünf zählt der Kreisarchivar auf: Mannsberg, Bol, Tiefenbach, Schlossberg und Schlössle. Auf jeder Burg saßen Dienstmannen. Teils waren es Mannen der Teck-Herzöge, teils der Grafen von Aichelberg. „Was die Aichelberger hier verloren hatten, wissen wir nicht“, gibt Manfred Waßner zu. Was es dagegen im Wald westlich von Dettingen zu suchen gab, ist unstrittig: „Dort gab es Eisenverhüttung im großen Stil.“ Über die Eisengewinnung weiß man zwar nur aus archäologischen Funden, nicht aber aus schriftlichen Quellen. Trotzdem ist ein Zusammenhang zwischen der „Eisenindustrie“ und den Niederadelssitzen mehr als naheliegend.

Die Georgskirche war wohl nicht die einzige Pfarrkirche Dettingens. Im Mittelalter muss es auch eine Nikolauskirche gegeben habe
Die Georgskirche war wohl nicht die einzige Pfarrkirche Dettingens. Im Mittelalter muss es auch eine Nikolauskirche gegeben haben, wie Kreisarchivar Manfred Waßner vermutet.Fotos: Thomas Kaltenecker

Wussten Sie, dass die Dettinger Geschichte viel weiter zurückreicht? Manfred Waßner verwies auf spektakuläre Funde, die 2007 auf dem Berger-Areal zum Vorschein kamen. Hätte man schon sehr viel früher gegraben, wäre man auf viel bedeutendere Funde aus der Merowingerzeit gestoßen. Das schließt der Kreisarchivar aus der Tatsache, dass es im 6. Jahrhundert mindestens zwei Friedhöfe gab, einen auf dem Berger-Areal und den anderen in Bahnhofsnähe.

Wissen Sie, wozu so ein Werkzeug diente? Zu dieser Frage zeigte Manfred Waßner einen Haken. „Das ist ein singulärer Fund aus Dettingen.“ Ähnliches gebe es noch in Frankreich. Der Kreisarchivar vermutet, dass der Haken in der Schweinemast zum Einsatz kam: Vor dem Winter wurden die Schweine in den Wald getrieben. „Die mussten sich so voll fressen, dass ihre Besitzer sie um Weihnachten schlachten konnten.“ Der Haken hätte also dazu dienen können, Säue zu treiben und Eicheln von den Bäumen zu schütteln.

Wussten Sie, was der heilige Nikolaus mit Dettingen zu tun hat? Zunächst denken Dettinger an den heiligen Georg, dem ihre Pfarrkirche geweiht ist. In einer Urkunde von 1360 taucht aber eine Nikolauskapelle auf. Sie lässt sich auch archäologisch nachweisen - wo sich heute der Alte Friedhof befindet. Eines der Fundamente deutet Manfred Waßner als Chorschranke. Wenn dem so ist, war die Nikolauskapelle irgendwann vor 1360 eine Nikolauskirche. Dettingen hätte also zwei Pfarrkirchen gehabt. Das könnte mit den beiden Herrschaften zusammenhängen, mit Teckern und Aichelbergern.

Wussten Sie, was ein abgebrochenes Brotmesser mit Dettingen zu tun hat? Für die Zeit um 1525 gibt es eine ganze Menge abgebrochener Brotmesser. Grund dafür ist eine symbolische Strafe: Nach dem Bauernkrieg ging die Obrigkeit vehement gegen die Aufrührer vor. Viele wurden ausgewiesen. Eine andere Strafe war die, dass sie keine Waffe tragen durften außer diesem nutzlos gemachten Brotmesser. Immerhin brauchte damals jeder sein eigenes Messer, „um damit im Wirtshaus alles zu schneiden, was es so zum Schneiden gab“. Für Dettingen sind viele solcher Fälle belegt, weil sich im April 1525 ein großer Bauernhaufen dort niedergelassen hatte, der auf viele Sympathisanten stieß.

Zusatzfrage: Wussten Sie, welcher Lord seinen Sitz in Dettingen hatte? Vom Mittelalter kam der Kreisarchivar damit ins 20. Jahrhundert: Der Lord hieß „Lord Simmentaler“ und war ein bedeutender Zuchtstier. Das dazugehörige Foto stammt vom 24. November 1923. Kaum zu glauben, was sich seither alles verändert hat! Manfred Waßner zufolge sind es solche Veränderungen wert, dokumentiert zu werden, und das sei auch Aufgabe eines Geschichtsvereins.

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