Kirchheimer Umland

Ein neuer Blick auf den Vater der Reformation

Religion Die Ökumenische Reihe in Jesingen nimmt das Luther-Jahr zum Anlass, sich dem Erneuerer der Kirche intensiv zu widmen. Von Nicole Mohn

Professor Siegfried Zimmer bei seinem Vortrag in Jesingen.
Professor Siegfried Zimmer bei seinem Vortrag in Jesingen.

Es ist das Jahr des Martin Luther. Vor 500 Jahren trat der Theologe eine Bewegung los. Er veränderte die Sicht auf die Bibel, Gott und die Kirche einschneidend. Luther? Klar, das ist doch der, der seine Thesen an die Kirchentür hämmerte. Der Ur-Vater der Reformation. Bei Professor Siegfried Zimmer heißt er nur „der Martin“. „Sonst gehen bei den Leuten gleich die Schranken runter“, sagt er. Zu viele Klischees umwabern den Theologen, der da vom kleinen Wittenberg aus 1517 mit seinen Überlegungen einen Umbruch in der Glaubenswelt lostrat.

Für viele gilt die Neu-Interpretation des Bibelverses Römer I, Vers 17, bis heute als die reformatorische Entdeckung Luthers. Zu 90 Prozent werde es so auch an den Schulen noch unterrichtet, sagt der Theologe. Die Forschung kommt allerdings mehrheitlich längst zu einem anderen Schluss. „Die Auslegung des Römerbriefes war gute katholische Theologie“, macht Zimmer deutlich. Nicht mehr als ein erster Funke ist es, der da aufglimmt und erst mit der Resolution der Thesen zwischen 1518 und 1520 zur Flamme der Erkenntnis auflodert.

Viele Zufälle haben aus Sicht von Professor Zimmer dazu geführt, dass Luther heute im gleichen Atemzug wie Thomas von Aquin als einer der Väter der Christenheit genannt wird. Ohne sein Wissen wurden seine Thesen, mit denen er eigentlich lediglich einen theologischen Disput über den Ablasshandel anstoßen hatte wollen, ins Deutsche übersetzt und verbreiteten sich auf Flugblättern wie ein Feuerbrand über das gesamte Land.

Schnell geriet der junge Theologe in das Mahlwerk der unterschiedlichen politischen Interessen. „Man klagte ihn der Ketzerei an, was ihn in Todesgefahr brachte“, erzählt Zimmer. Luther steht unvermittelt im Rampenlicht, soll dem Kurfürst Rechenschaft ab legen. Auch der starke Arm Rom greift nach ihm.

Luther beschäftigt sich erneut mit seinen Thesen und der Bibel, insbesondere mit dem Buß-Sakrament. „Eine ganz andere Materie als Römer I,17“, so Zimmer. Aus dem Matthäus-Evangelium leite sich das Absolutionswort ab, an das die Kirche ab dem Mittelalter die Genugtuung bindet. „Der Priester stellt mit dem ‚Ego te absolvo‘ offiziell fest: Dir ist vergeben“, erklärt Zimmer.

Doch Luther liest hier etwas ganz andres heraus: Er entdeckt die Versprechen in der Bibel neu, die Gott den Menschen ohne jegliche Bedingung oder Auflagen gibt. „Es ist eine ganz neue Sicht auf Gott und die christliche Hoffnung, aber auch auf Kirche und Gottesdienst“, so der Theologe. Gott mache Zusagen, die nicht von der Tiefe der menschlichen Reue und Bußfertigkeit, Werkgerechtigkeit oder Ähnlichem abhänge.

Und eben diese Erkenntnis ist es, die Luther 1518 den Durchbruch bringt. ‚Martin, der Befreite‘ unterschrieb Luther seine Briefe in diesem Jahr. Er stellt schließlich die Absolutionsmacht des Papstes infrage, ebenso die kirchlichen Hierarchien. Allein der Heiligen Schrift kommt für ihn die oberste Autorität zu.

Dieser Paradigmenwechsel hat wie kaum ein anderes kirchliches Ereignis weltweit Auswirkungen und markiert eine Zeitenwende. Jedoch: Seine Wunschvorstellung von Kirche konnte Luther nie verwirklichen. „Wenn auch die evangelische Kirche auf Luther beruht - Luthers Kirche ist sie nicht“, sagt Zimmer. Politisch sei Luthers Vorstellung von Kirche zu seiner Zeit nicht umsetzbar gewesen.

Luther zieht immer noch die Massen an: Das evangelische Gemeindehaus in Jesingen war voll besetzt.Fotos: Nicole Mohn
Luther zieht immer noch die Massen an: Das evangelische Gemeindehaus in Jesingen war voll besetzt.Fotos: Nicole Mohn
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