Kirchheimer Umland

Einblicke in verschiedene Kulturen

Begegnung Die Lesenacht in der Kirchheimer Stadtbibliothek ist eine Möglichkeit des Austauschs. Dabei geht es um Hoffnungen und Schicksale. Von Sabrina Kreuzer

Die Griechin Maria lässt ihre Zuhörer an Kräutern riechen.Foto: Sabrina Kreuzer
Die Griechin Maria lässt ihre Zuhörer an Kräutern riechen. Foto: Sabrina Kreuzer 

Wer kennt es nicht, das Bild der strengen Bibliothekarin, die jeden ermahnt, der auch nur ein wenig zu laut ist? Dass eine Bücherei nicht nur ein Ort der Stille sein muss, zeigen seit 19 Jahren die Stadtbücherei Kirchheim und der Pädagoginnen-Treff. Einmal im Jahr veranstalten sie die Frauen-Lesenacht: Ein interkulturelles Event, bei dem Frauen unter sich sind.

Frauen aus vier unterschiedlichen Ländern sind in die Bücherei gekommen, um über die Lebensbedingungen, Bräuche und gesellschaftliche Situation im Heimatland zu sprechen. In vier verschiedenen Ecken sind sie über die ganze Bücherei verteilt: Griechenland, die Slowakei, Syrien und Zypern.

„Wir haben euch ein typisches griechisches Weihnachtsgebäck mitgebracht“, erzählt Maria und verteilt kleine Gebäckstückchen, während Marias Mutter Soula das Gedicht „Marina“ in ihrer Muttersprache vorliest. „Es ist ein Gedicht über das Leben“, erzählen die beiden, „über die Schwierigkeiten, die man bestehen muss, aber nicht als solche sehen darf.“

Eine Zuhörerin möchte wissen, wie schwer eine Auswanderung ist. „Es ist nicht so, dass man es unbedingt wollte“, sagt Maria, „aber anders ging es einfach nicht mehr.“ Maria erklärt: „Ich habe mich immer gefragt, wo ich hingehöre? In Deutschland bin ich eine Griechin, in Griechenland bin ich die Deutsche.“ Eine Zuhörerin mit ungarischen Wurzeln stimmt ihr zu: „Das ist ein Problem für uns alle.“

Wie bewahrt man sich ein Stück der alten Heimat? Die Zypriotin Marina, seit 14 Jahren in Deutschland, kennt die Antwort: „Die Tradition muss weitergelebt werden.“ Ihre Ecke der Bücherei hat sie mit Häkeldeckchen dekoriert und typisch zypriotische Snacks und Süßigkeiten mitgebracht. „Natürlich sprechen wir griechisch“, sagt sie, „aber mit einem besonderen Dialekt.“

Den soll auch ihre neunjährige Tochter nicht verlernen, daher wird zu Hause eine bunte Mischung aus Deutsch und zypriotischem Dialekt gesprochen. „Es ist wichtig, dass die Kinder die Sprache lernen“, meint Marina. Tatsächlich kann weltweit ein zypriotischer Fernsehsender empfangen werden, der jeden Abend ein spielerisches Lernprogramm für Kinder ausstrahlt.

Zyprioten sind auf der ganzen Welt verteilt, ebenso wie die Slowaken. Mariana und ihre 16-jährige Tochter Dominika leben seit sechs Jahren in Stuttgart. „Viele von uns sind in England, den USA oder Österreich“, erzählt Mariana, „aber hier in der Gegend gibt es wenige.“ Daher ist ihrer Tochter die Tradition auch nicht mehr allzu wichtig. Trotzdem kennt Mariana noch die alten Bräuche und erzählt gerne davon: „An Ostern flechten die Männer Kirschzweige und schlagen damit sanft die Frauen.“ Die lachenden Zuhörerinnen fragen, warum sie sich das gefallen lassen. Mariana antwortet: „Wir Frauen haben das ganze Jahr lang das Sagen, wir können den Männern einen Tag lassen.“ Für sie ist es wichtig, dass ihre Heimat nun in Deutschland ist. „Ich werde oft gefragt, ob ich im Urlaub nach Hause fahre“, sagt sie, „aber Stuttgart ist jetzt meine Heimat.“ Mariana hat es geschafft. Sie und ihre Familie sind glücklich in Deutschland. Das Risiko der Auswanderung hat sich für sie gelohnt.

Eine andere Geschichte hat Nahed erlebt. Sie ist als Familiennachzug vor zweieinhalb Jahren von Syrien nach Deutschland gekommen. Stolz zeigt Nahed Bilder aus Syrien. Darunter auch eines der Universität in Aleppo. „Dort habe ich studiert“, erzählt sie mit stolzer Stimme: „Ich bin Mathematiklehrerin.“ Sie wünscht sich sehr, auch in Deutschland als Lehrerin arbeiten zu können: „Mathe ist Mathe, das ist überall gleich. Aber ich darf nicht mit Kopftuch unterrichten.“ Das ist für viele der Frauen unverständlich. „Es ist wichtig, dass Frauen mit Kopftuch in unseren Schulen und Kindergärten vertreten sind“, sagen sie, „denn Frauen mit Kopftuch sind auch intelligent.“

Dieser interkulturelle Austausch bietet viel Gesprächsstoff. Und so ist es lange nicht still in der Stadtbücherei Kirchheim - kein Grund, um Ruhe zu bitten.