Kirchheimer Umland

Eine bessere Welt beginnt im Kleinen

Widerstand Globalisierungsgegner gründen eine Attac-Regionalgruppe in Kirchheim. Am Mittwoch findet in der Stadthalle die Auftaktveranstaltung statt. Von Bernd Köble

Gut lachen? Es läuft einiges schief auf dieser Welt. Die Mitglieder der neuen Kirchheimer Attac-Gruppe wollen ihren Teil dazu be
Gut lachen? Es läuft einiges schief auf dieser Welt. Die Mitglieder der neuen Kirchheimer Attac-Gruppe wollen ihren Teil dazu beitragen, dass sich Dinge ändern. Von links: Heinrich Brinker, Günther Kern und Heinz PötzlFoto: Carsten Riedl

Beim Finanzministertreffen vor zwei Wochen in Baden-Baden gehörten die orangefarbenen Fahnen mit dem weißen Schriftzug zum Straßenbild. Wenn sich die Vertreter der G20-Staaten im Juli in Hamburg versammeln, wird das wieder so sein. Die Mitglieder des globalisierungskritischen Netzwerks Attac leisten inzwischen deutschlandweit in mehr als 190 Regionalgruppen Widerstand. Gegen Profitstreben, soziale Ungerechtigkeit und Klimazerstörung. Regionalgruppen gibt es auf den Fildern, in Esslingen und Reutlingen. Kirchheim war bisher ein weißer Fleck auf der Landkarte. Jetzt nicht mehr.

Am kommenden Mittwoch ab 19.30 Uhr soll im kleinen Saal der Stadthalle ein Stein ins Rollen kommen. Es ist der erste öffentliche Auftritt der im Januar gegründeten Gruppe. Dazu eingeladen haben sie sich einen, der überzeugende Argumente liefern soll. Werner Rätz ist Gründer von Attac Deutschland und soll der Gruppe zu dem verhelfen, was bei Globalisierungsgegnern ansonsten eher Unbehagen schürt: schnelles Wachstum.

Eine Besucherzahl 40 plus und heiß geredete Köpfe wären für Günther Kern die Zutaten für einen gelungenen Abend. Der 61-jährige Verwaltungsfachmann ist seit einem Vierteljahrhundert im Kirchheimer Ortsverband der Grünen aktiv. Jetzt ist Kern Mitbegründer von Attac in seiner Heimatstadt Kirchheim. Parteipolitik und außerparlamentarische Opposition - für ihn ist das kein Widerspruch. Das Ringen um Kompromisse auf der einen Seite, der kompromisslose Diskurs auf der anderen. Frei von Sachzwängen und Machtinteressen. „Politik braucht Druck von außen“, sagt Kern. „Weil Themen hier grundsätzlicher und direkter angepackt werden.“

Direkt heißt vor allem: an Ort und Stelle. Global denken, lokal handeln war schon Parole der lokalen Agenda-Gruppen in den Neunzigern. Themen wie Mobilität, sozialverträgliches Wohnen, gerechte Einkommen oder nachhaltige Energiekonzepte beschäftigen auch Attac. „Über das hinaus, was auf Regierungsebene diskutiert wird“, unterstreicht Heinrich Brinker. Der 59-jährige IT-Spezialist in Altersteilzeit war Landtagskandidat der Linken und stellt sich im September zur Wahl für den Bundestag.

Es geht nicht nur um Protest, auch wenn jeder der Gründungsmitglieder reichlich Erfahrung damit hat. Gegen Stuttgart 21, gegen TTIP oder im Gewerkschaftskampf gegen die Beschneidung von Arbeitnehmerrechten. Man will konstruktiv an Lösungen mitarbeiten und vor allem: aufklären. Wie und in welcher Form das regional geschehen kann, soll gemeinsam entschieden werden. Nach der Auftaktveranstaltung am Mittwoch, von der sich die Gruppe einigen Zulauf erhofft. 180 Attac-Mitglieder, die sich noch keiner Regionalgruppe angeschlossen haben, gibt es allein im Kreis Esslingen. „Wir brauchen die Menschen vor Ort“, sagt Heinrich Brinker, „und zwar quer durch alle gesellschaftlichen Schichten.“

Finanzmarkt-Kontrolle und Tobin-Steuer

Attac ist eine so genannte Nichtregierungsorganisation (NGO). Gegründet wurde das weltweite Netzwerk 1998 in Frankreich. Inzwischen umfasst es 90 000 Mitglieder in 50 Ländern, davon alleine fast 30 000 in Deutschland, wo Attac seit Januar 2000 aktiv ist.

Hauptthemen sind Globalisierungskritik und eine demokratische Kontrolle der internationalen Finanzmärkte. Ein zentraler Punkt in den Gründungsjahren war die Forderung nach einer Steuer auf spekulative Devisengeschäfte, die sogenannte Tobin-Steuer.

In Erscheinung trat Attac am deutlichsten im Zuge der internationalen Finanzkrise ab 2007 und nach dem Atomunglück im japanischen Fukushima 2011. Inzwischen hat das Netzwerk sein Themenspektrum auch auf innenpolitische Themen wie Migration, Geschlechtergerechtigkeit und öffentliche Daseinsvorsorge ausgedehnt.

Neben Einzelmitgliedern sind in Deutschland etwa 200 Organisationen bei Attac aktiv, darunter die Gewerkschaft ver.di, der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) und Pax Christi. Eines der prominentesten Mitglieder ist seit 2007 der ehemalige CDU-Generalsekretär Heiner Geißler.bk

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