Kirchheimer Umland

Einsames Seepferdchen

Schließende Bäder und nichtschwimmende Kinder machen der DLRG zu schaffen

Heiße Tage bringen nicht nur Sonnenanbeter ins Schwitzen: Die DLRG im Kreis Esslingen hat diesen Sommer allerhand zu tun. Grund dafür sind überfüllte Seen und die Tatsache, dass immer weniger Kinder richtig schwimmen lernen.

Die DLRG im Kreis Esslingen hat diesen Sommer viel zu tun. Grund dafür sind nicht nur die angesichts der Hitze oftmals überfüllt
Die DLRG im Kreis Esslingen hat diesen Sommer viel zu tun. Grund dafür sind nicht nur die angesichts der Hitze oftmals überfüllten Seen. Sorge bereitet den Helfern auch die Tatsache, dass immer weniger Kinder richtig schwimmen lernen.Archiv-Foto: Jean-Luc Jacques

Kirchheim. „Wir haben jetzt schon so viele Einsätze wie letztes Jahr“, erzählt Bastian Sturm von der DLRG im Kreis Esslingen und sieht für den rapiden Anstieg besonders einen Grund: Immer mehr Schwimmbäder in der Region schließen. „Früher war es gang und gäbe, dass die Kinder in der Schule schwimmen gelernt haben“, erinnert der Technische Einsatzleiter. „Heute haben viele Schulen dazu keine Möglichkeit mehr, weil das nächste Schwimmbad zu weit weg ist.“ Das Resultat: viele Kinder und Jugendliche können nicht mehr richtig schwimmen.

Am Interesse der Kinder mangelt es dabei nicht: „Unsere Schwimmkurse für die Sommerferien sind jetzt schon proppenvoll“, erzählt Moritz Heitel, Schwimmmeister im Kirchheimer Freibad. Und ergänzt: „Kinder können sich für alles interessieren, wenn man sie ein bisschen dazu motiviert.“ Er würde am liebsten auch im Winter Kinder in Schwimmkursen sehen: „Ein Hallenbad in Kirchheim wäre mit Geld gar nicht zu ermessen.“

An heißen Tagen hüpfen trotz allem auch die Nichtschwimmer in den See. Sechs schwere Unfälle gab es in diesem Jahr schon im Landkreis – einige davon tödlich, berichtet DLRGler Bastian Sturm. Auch an den Kirchheimer Bürgerseen sei die Lage kritisch: Viele Jugendliche nutzen das Grün am Wasser zum Trinken und Feiern. „Einige schwimmen sogar unter Alkohol- und Drogeneinfluss“, gibt er zu bedenken. Außerdem überschätzen viele Leute ihre eigene Leistungsfähigkeit, besonders bei heißem Wetter. „Der Temperaturunterschied zwischen Luft und Wasser spielt eine große Rolle“, sagt er. Dass Leute, selbst wenn sie nicht sicher auf dem Wasser sind, mit Booten auf dem Neckar fahren, sei mittlerweile kein Einzelfall mehr. An der selben Stelle, wo bei Neckartailfingen ein Kanufahrer vor einigen Monaten tödlich verunglückte, passierte erst kürzlich ein zweiter Unfall – zum Glück glimpflich. Die Unfallzahl in Binnengewässern wie Neckar und Bürgerseen ist inzwischen deutlich höher als im offenen Meer, berichtet der Profi.

Das liege nicht zuletzt daran, dass die wenigen Seen in der Region an schönen Sommertagen heillos überfüllt sind. „Wenn einer im Wasser untergeht, kriegt das der nächste oft gar nicht mehr mit“, formuliert er eine traurige Beobachtung. Seine Bitte an Badeseegänger: Lieber zu früh bei der DLRG anrufen, als zu spät: „Im Zweifelsfall kommen wir lieber einmal zu viel.“ Um rund um die Uhr an den Badegewässern präsent zu sein, reichen die Kapazitäten der DLRG im Kreis Esslingen längst nicht aus. Deswegen sind die Retter auf die Anrufe der Bürger angewiesen.

Manche muss manerst an das WassergewöhnenNachgefragt

Erich Merkle
Erich Merkle

Wieso lernen Ihre Drittklässler schwimmen?

ERICH MERKLE: Schon seit sechs Jahren gehen wir regelmäßig mit den Drittklässlern schwimmen. Wir wollen unser Freibad richtig nutzen – und der dortige Schwimmmeister unterstützt uns dabei tatkräftig. So können auch Lehrkräfte die Schüler begleiten, die selber keinen Schwimmunterricht geben können.

Gehen die Schüler oft dahin?

MERKLE: Das Bad ist für uns zwischen den Pfingst- und Sommerferien nutzbar. Dann gehen wir jede Woche an drei Vormittagen hin – an den anderen zwei ist es leider schon besetzt.

Und zu den Sommerferien können Ihre Schüler sicher schwimmen?

MERKLE: Ziel ist, dass alle Drittklässler nach dem Unterricht das Seepferdchen haben. Doch die Ausgangspunkte der Kinder sind ganz unterschiedlich: Manche haben schon vorher das Abzeichen, manche muss man erst ans Wasser gewöhnen. Wenn es einer im Schulunterricht nicht schafft, schauen wir, dass er den Kurs in den Sommerferien weitermachen kann.

Wie halten das andere Grundschulen in der Umgebung?

MERKLE: Das ist ein Lenninger Konzept: In Unterlenningen wurde der Schwimmunterricht im Freibad ebenfalls vor einem Jahr eingeführt. Wie es in anderen Gemeinden aussieht, weiß ich nicht. Doch man muss sagen, dass wir einen deutlichen Vorteil haben: ein Schwimmbad direkt um die Ecke – den Luxus haben nicht alle Schulen.

Die Schüler freut das sicherlich auch, oder?

MERKLE: Ich denke, dass sie sehr gerne ins Schwimmbad gehen. Deswegen gehen wir auch bei jedem Wetter – wenn es nicht gerade stürmt und regnet. Wenn es den Kindern kalt ist, dürfen sie auch warm duschen gehen.

Wie wichtig ist Ihnen der Schwimmunterricht an der Grundschule?

MERKLE: Das ist mir ganz ­extrem wichtig. Wenn die Kinder das Schwimmen nicht in diesem Alter lernen, lernen sie‘s nie. Außerdem ist Schwimmen nicht nur ein Teil der Kultur und eine tolle Freizeitbeschäftigung, sondern lebensrettend. Das ist wichtig, wenn sie später zum Beispiel mal mit Freunden an den See gehen – zu ihrer Sicherheit.

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