Kirchheimer Umland

„Es ist hart, keinen festen Wohnort zu haben“

Raphael Fellmer lebte jahrelang ohne Geld in Berlin – jetzt zieht er in eine Kirchheimer Öko-WG

Raphael Fellmer hat sich vor fünf Jahren entschieden, in den Geldstreik zu treten: Er kündigte seine Konten und suchte sein Glück vor Biomärkten. Seine Träume will der 32-jährige Berliner jetzt in Kirchheim erfüllen. Im Interview spricht er über Essen aus Tonnen und das Verlangen, endlich anzukommen.

Du lebst seit fünf Jahren ohne Geld. Wieso hast du dich dafür entschieden?

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RAPHAEL FELLMER: Das hat mit einer Segelbootfahrt von Holland über Afrika nach Mexiko angefangen. Meine Frau, ein paar Freunde und ich wollten herausfinden, wie es ist, ohne Geld zu reisen. Wir wollten sehen, wie in anderen Ländern mit Lebensmittelverschwendung umgegangen wird. Tatsache ist, dass das nicht nur ein europäisches Problem ist. Zurück in Berlin hab ich mich entschlossen, in den Geldstreik zu treten, meine Konten gelöscht und das letzte Geld verschenkt. Das war die logische Folge der Reise.

Als du deinen Geldstreik angefangen hast, gab‘s noch keine Foodsharing-Plattform. Wie hast du dich anfangs ernährt?

FELLMER: Ich habe aus der Tonne gelebt und die Lebensmittel teils auch weiterverteilt. Das hat leider sehr gut funktioniert: In Deutschland werden pro Jahr 20 Millionen Tonnen Essen weggeschmissen. Selbst bei Bio-Läden landet viel Essbares im Abfall. Nach zehn Monaten „Tonnen-Tauchen“ habe ich die Plattform Lebensmittelretter gegründet, später haben wir das mit Foodsharing zusammengelegt.

Wer kein Geld hat, kann auch keine Miete zahlen – Wo habt ihr die ganze Zeit gelebt?

FELLMER: Wir sind viereinhalb Jahre lang bei verschiedenen Menschen untergekommen. Die haben uns angeboten, dort zu wohnen und auch Strom und Heizkosten übernommen. Um unser Essen haben wir uns ja selbst gekümmert.

Hattest du nie das Gefühl jemand anderem auf der Tasche zu liegen?

FELLMER: Nein, überhaupt nicht. Natürlich haben die Menschen eine Menge für uns getan, aber sie haben sich wegen uns nicht weniger gegönnt. Die Leute mussten nicht sparen, weil wir da waren. Die haben das freiwillig gemacht.

Was ist das Schwierigste am Leben ohne Geld?

FELLMER: Am Ende war es sehr schwierig. Es ist hart, wenn man nicht wirklich einen festen Wohnort hat und sich ständig etwas Neues suchen muss. Besonders seit wir nicht mehr nur zu zweit, sondern eine kleine Familie sind.

Im November hast du deinen Geldstreik beendet und nimmst seither Honorare an. Ist das Projekt „geldfrei leben“ gescheitert?

FELLMER: Nein, ich würde eher sagen, dass ich mich geöffnet habe. Ich will in Zukunft nicht mehr so radikal sein und die Erfahrung auch anderen ermöglichen – dafür arbeite ich im Moment an einer weiteren Plattform, die Foodsharing internationaler machen soll. Ob ohne oder mit wenig Geld: Mein Ziel ist es, zu zeigen, was in dieser Welt alles möglich ist.

Du würdest anderen Leuten also trotzdem raten, dasselbe auszuprobieren?

FELLMER: Auf jeden Fall! Ich würde das geldfreie Leben jedem empfehlen – ob nur für eine Woche, einen Monat oder länger. Allerdings sollte die Entscheidung aus dem Herzen kommen. Jeder muss selbst wissen, wie er sich gut fühlt. Ich wollte mit meinem Projekt nie den Gutmenschen raushängen lassen oder andere belehren.

Was war deine wertvollste Erfahrung?

FELLMER: Beeindruckend war die bedingungslose Hilfe, die einem zuteil wird. Wenn es nicht mehr ums Geld geht, merkt man erst die Verbundenheit. Geld kann einen ziemlich manipulieren und von den eigenen Träumen abbringen. Man tendiert dazu, sehr auf Sicherheit bedacht zu sein. Das hält einen auf.

Vor ein paar Wochen bist du von Berlin ins Ländle gezogen. Im Frühjahr ziehst du mit „Ganz“ in eine Öko-WG in Kirchheim. Wie kommt‘s?

FELLMER: Daniel und Maria Hughes und meine Frau Nieves und ich teilen den Traum von einem gemeinsamen Öko-Dorf in Südeuropa. Der Schritt nach Kirchheim ist schon mal ein paar Kilometer in die richtige Richtung. Hier wollen wir zusammen ein nachhaltiges Hausprojekt auf die Beine stellen.

Du hast eine Tochter und einen kleinen Sohn. Wie finden die euren Lebensstil?

FELLMER: Meine Tochter Alma kriegt davon viel mit. Sie ist jetzt vier und geht in den Kirchheimer Waldkindergarten. Ihr ist es wichtig, vegan zu essen, weil sie Tiere liebt. Das vertritt sie auch selbstbewusst nach außen. Wenn uns zum Beispiel eine Socke fehlt, gehen wir keine neue kaufen, sondern organisieren eine. Das meiste gibt es ja schließlich schon irgendwo. Auch das leuchtet ihr total ein.FOTO: ACHIM FRANK