Kirchheimer Umland

„Es kommt auf jeden Einzelnen an“

Interview Der Gesundheitspolitiker Michael Hennrich appelliert an die Vernunft: beim Verzicht auf direkte Sozialkontakte oder auf übertriebene Vorratshaltung. Ein Ende der Einschränkungen ist nicht in Sicht. Von Andreas Volz

Michael Hennrich ist Obmann der Unionsfraktion im Gesundheitsausschuss des Bundestags. Archiv-Foto: Markus Brändli
Michael Hennrich ist Obmann der Unionsfraktion im Gesundheitsausschuss des Bundestags. Archiv-Foto: Markus Brändli

Was macht eigentlich die Politik in der Corona-Krise? Zu viel, zu wenig - das Richtige, das Falsche? Antworten auf solche Grundsatzfragen gibt der Kirchheimer Bundestagsabgeordnete Michael Hennrich im Interview mit dem Teckboten.

Kann die Politik jetzt noch handeln, oder ist sie getrieben?

Michael Hennrich: Das werden wir vielleicht in drei Monaten wissen. Fakt ist: Viele haben die Gefahr unterschätzt. Wer letzte Woche den Handschlag verweigert hat, hat noch verständnislose Blicke geerntet. Das hat sich zum Glück geändert. Wenn sich alle konsequent an die Vorgaben halten, bin ich zuversichtlich. Das heißt dann aber tatsächlich, alle Kontakte auf das absolut Notwendige zu beschränken. Es kann nicht sein, dass man das von anderen einfordert, sich selbst aber nicht daran halten will.

Kann das Parlament noch arbeiten?

Hennrich: Bisher tagen wir noch planmäßig. Für uns sollte das maßgeblich sein, was in jedem vernünftigen Unternehmen, in jeder sozialen Einrichtung oder in allen anderen Bereichen des öffentlichen Lebens gilt. Wir haben bisher drei bekannte Fälle von Abgeordneten, bei denen das Coronavirus nachgewiesen ist. Das heißt aber nicht, dass das ganze Parlament seine Arbeit einstellen muss. Ich gehe bisher davon aus, dass wir nächste Woche regulär tagen - mit Beschränkungen dort, wo Krankheitsfälle aufgetreten sind.

Was ist, wenn sich die Experten widersprechen?

Tatsächlich mussten sich auch Experten korrigieren. Bei widersprüchlichen Einschätzungen muss die Politik entscheiden. Aber auch da gibt es unterschiedliche Meinungen. Am Ende bin ich Bundesminister Spahn dafür dankbar, dass er eher zu den Vertretern einer konsequenten Linie gehört. Und trotzdem gibt es Menschen, die die Botschaft nicht verstehen wollen. Ich habe es für ein Unding gehalten, dass trotz der Warnungen Fußballspiele in Mönchengladbach und das Spiel des VfB durchgeführt wurden. Auch der IOC-Präsident träumt ja noch von den Spielen in Tokio.

Müssten die „Corona-Verordnungen“ nicht einheitlich in ganz Deutschland gelten?

Der Föderalismus hat sich im aktuellen Krisenfall bewährt. Wenn die Entscheidungen von allen Ebenen getragen und durchgesetzt werden, ist es einfacher, als wenn man alles von „oben herab“ steuert. Ein solches Vorgehen führt zu einer größeren Akzeptanz in der Bevölkerung. Entscheidend ist, dass am Ende aber Verantwortung übernommen wird. Was nicht funktioniert, sind widersprüchliche Vorgaben unterschiedlicher Ebenen.

Lässt sich die Ausbreitung des Virus tatsächlich verlangsamen? Wie lange dauern die Einschränkungen?

Dass dies möglich ist, haben die drastischen Maßnahmen in China gezeigt. Auch in Südkorea zeigen sich erste Erfolge. Wann man mit einer Lockerung rechnen kann, wird sich die nächsten zwei bis drei Wochen zeigen. Es kommt auf jeden Einzelnen von uns an. Klare Zeitvorgaben sind in der momentanen Situation nicht möglich.

Was ist mit dem Nachholbedarf, wenn alles wieder öffnet?

Da baue ich auf die Kreativität: Hausaufgabenpakete der Schulen oder virtueller Unterricht in den Hochschulen zeigen den Weg. Auch Homeoffice und Telefonkonferenzen mindern die Probleme. Ganz wichtig wird sein, dass wir nach Bewältigung der Krise darüber nachdenken, wie wir künftige Risiken minimieren. Das Eindrücklichste, was ich zuletzt erlebt habe, ist mit einer beruflichen Reise nach Thailand verbunden. Es gab keinen Handschlag zur Begrüßung. Am Flughafen, in jedem Hotel, bei jedem Besuch eines Unternehmens und in allen anderen öffentlichen Einrichtungen wurde Fieber gemessen und ein kleines Fläschchen Desinfektionsmittel in die Hand gedrückt. Bei den Gesprächen wurde peinlichst genau auf einen Mindestabstand von zwei Metern geachtet, und drei Viertel der Bevölkerung trugen Mundschutz. Nicht alles davon lässt sich in Europa realisieren, aber die Tatsache, dass in Thailand deutlich weniger Menschen mit dem Virus infiziert sind, sollte uns zu denken geben.

Ist es sinnvoll, Schulen zu schließen?

Das war absolut notwendig. Das Problem ist, dass gerade Kinder die mit der Infektion verbundene Erkrankung oft nicht spüren. Das fördert die unkontrollierte Ausbreitung des Virus. Unser Ziel muss sein, den Schulbetrieb nach den Osterferien wieder aufzunehmen. Versprechen können wir es nicht. Es hängt maßgeblich vom Erfolg der Maßnahmen ab. Zu einem „Business as usual“ werden wir - nicht nur in den Schulen - für einige Zeit nicht zurückkehren.

Was machen Eltern jetzt, wenn sie keinen Urlaub bekommen und keine Möglichkeit für Homeoffice haben?

Das muss vor Ort entschieden werden. Viele Kommunen haben ja schon eine sogenannte Kindernotbetreuung auf den Weg gebracht. Bei Großeltern muss man umso vorsichtiger sein, je älter sie sind und je mehr Vorerkrankungen sie haben. Betreuung in kleineren Gruppen kann nur in Ausnahmefällen eine Lösung sein; hier müssen dann aber konsequente Verhaltensregeln eingehalten werden. Vielleicht gibt es aber auch andere Lösungen im familiären Umfeld, im Freundeskreis oder in der Nachbarschaft. Ich habe Jens Spahn schon vorgeschlagen, solche Formen der Hilfe auch finanziell zu unterstützen oder entsprechende Anreize zu schaffen.

Viele kleine Betriebe, die auf Kundschaft angewiesen sind, können es sich nicht leisten, lange zu schließen. Wie kann die Politik helfen?

Das Kurzarbeitergeld haben wir innerhalb eines Tages verabschiedet. Bei den Unternehmen, dem Mittelstand, den Hotels und Gaststätten, dem Einzelhandel, den Kulturschaffenden - ich sehe, dass die Aufzählung kein Ende nimmt. Am Ende muss es heißen: Alle, die unverschuldet in Not geraten, müssen sich auf finanzielle Unterstützung in Form von zinslosen Darlehen, Bürgschaften oder Zuschüssen verlassen können.

Gibt es für bestimmte Waren vielleicht wieder Bezugsmarken?

Sich einen Notvorrat zuzulegen, ist nicht verwerflich. Bisher war bei uns in der Familie die Devise, bis Montag muss es reichen. Jetzt denken wir darüber nach, dass es bis Montag in einer Woche reichen muss. Wenn alle bei dieser Vorratshaltung vernünftig bleiben, habe ich keine Sorgen. Sich jetzt schon mit Toi­lettenpapier bis Weihnachten einzudecken, halte ich für übertrieben.

Medikamente oder Impfstoffe zu entwickeln, braucht Zeit. Geht es schneller mit mehr Personal?

Die Debatte um Curevac hat gezeigt, dass wir in Deutschland nicht so schlecht aufgestellt sind. Personal ist das kleinere Problem, wir müssen vielmehr darüber nachdenken, die Zulassungsverfahren zu straffen. Es muss aber auch da der Grundsatz gelten: Gründlichkeit vor Schnelligkeit.

Wenn 70 Prozent der Bevölkerung immun werden sollen, müssten sich in Deutschland ein Jahr lang jede Woche mehr als eine Million Menschen infizieren. Wie geht das?

Vorrangiges Ziel ist es, den Anstieg der Infektionen so zu entschleunigen, dass ausreichende Behandlungskapazitäten zur Verfügung stehen. Jede Woche eine Million Menschen in Quarantäne, das wird nicht funktionieren. Entscheidend wird sein, wie schnell wir einen Impfstoff finden. Gelingt es uns vielleicht auf anderem Weg, das Virus unschädlich zu machen oder in einigen Bereichen und Regionen auszurotten? Auf die Gefahr hin, dass man es nicht mehr hören kann: Schärfer auf Hygienevorgaben zu achten, kann auch einen wirksamen Beitrag leisten.

Können steigende Temperaturen das Virus aufhalten?

Leider hat sich das Virus nicht vorgestellt und auch nicht gesagt, was es genau vorhat. Aber im Ernst: Wir wissen es nicht und sind gut beraten, uns nicht darauf zu verlassen. Wenn es so kommt, sollte es uns freuen. Aber auch hier gibt es keine fundierten wissenschaftlichen Erkenntnisse. Bundeskanzler Kurz aus Österreich hat das schöne Bild der Auferstehung nach Ostern gezeichnet. Das wäre doch etwas, woran wir festhalten können.

Anzeige