Kirchheimer Umland

Essen stärkt die Nachbarschaft

Muslime brechen das Fasten im Ramadan auf dem Kirchheimer Marktplatz

Die Muslime in Kirchheim laden am 4. Juli wieder zum öffentlichen Fastenessen auf den Marktplatz im Rahmen des Ramadan ein. Sie wollen mit allen Interessierten in Dialog treten.

Unter der Leitung von Gül und Sefi Aydin bereiten die Helfer die Speisen für das Fastenessen zu. Auch Müslüm Kilic (kleines Foto
Unter der Leitung von Gül und Sefi Aydin bereiten die Helfer die Speisen für das Fastenessen zu. Auch Müslüm Kilic (kleines Foto) hilft mit.Fotos: Haußmann

Kirchheim. „Nachbarn und Nachbarschaftsbeziehungen zählen im sozialen Leben mit zu den wichtigsten Beziehungen“, erzählt Yakub Kambir. „In fast allen Religionen spielen sie deshalb eine Rolle, auch im Islam.“ In Koranversen und Hadithe, den Überlieferungen der Aussprüche und Handlungen des Propheten Mohammed sowie die Handlungen Dritter, die er stillschweigend billigte, wird dem Vorstandsmitglied der Kirchheimer Sultan-Ahmet-Camii zufolge auf die Bedeutung der Nachbarschaftsrechte eingegangen.

„Was einem Muslim an Gutem zuteil wird, muss er sich auch für seinen Nachbarn wünschen und Dinge, die er für sich selbst nicht wünscht, darf er auch seinem Nachbarn nicht wünschen“, erklärt Kambir. Ausgehend von diesem islamischen Prinzip dürften Muslime ihren Nachbarn keinen Schaden zufügen. Diese Handlungsanleitung bezieht sich laut Murat Lök keineswegs ausschließlich auf Muslime, sondern auch auf den Umgang mit Vertretern anderer Religionen. „Daraus ergibt sich für jeden Gläubigen im Islam die Pflicht, gute Beziehungen zu all seinen Nachbarn zu pflegen – gerade in Europa und Deutschland“, berichtet der Vertreter der Alten Moschee.

In diesem Zeichen steht das seit dem Jahr 2012 jährlich auf dem Marktplatz der Teckstadt stattfindende Fastenessen im Rahmen des Ramadan. Es wird von den muslimischen Gemeinden der Sultan-Ahmet-Camii, der Alten Moschee und der Bosnischen Moschee organisiert. Mit dem öffentlichen Essen am Ende des Fastentages wollen sie einen Beitrag zur Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenlebens und des interreligiösen Dialogs leisten. „Unser Ziel ist es, Brücken zu bauen, indem Beziehungen aktiv gestaltet und Möglichkeiten des Kennenlernens, aber auch des Austauschs geschaffen werden“, so Yakub Kambir. „Ob Christen, Juden oder Vertreter anderer Religionen – alle sind eingeladen zum Marktplatz zu kommen und an unserer religiösen Praxis teilzuhaben.“

Vor drei Jahren nahmen rund 450 Menschen diese Einladung wahr. Im vergangenen Jahr waren es schon 1 200 Teilnehmer aus einem Umkreis von 20 bis 30 Kilometern, die die Veranstalter zählten. Für den 4. Juli rechnen sie mit einem neuen Besucherrekord. Wie groß der Andrang sein wird, vermögen Yakub Kambir und Murat Lök nicht zu prognostizieren. Allerdings vermittelt der Blick auf die Einkaufsliste der ungefähr 60 Helfer einen Eindruck vom Umfang der Veranstaltung. Rund 130 Kilo Reis und 300 Kilo Gemüse werden am Tag des großen Fastenessens auf dem Marktplatz in der Küche der Sultan-Ahmet-Camii geputzt, geschält, klein geschnitten, gekocht, in Aluschalen gefüllt, verpackt und zum Veranstaltungsort transportiert. Zeitgleich werden in der Alten Moschee Berge von Salat gesäubert, zerkleinert, angerichtet und zusammen mit dem Nachtisch zum Marktplatz gebracht.

„Das Gericht, ein Gemüseeintopf, ist rein vegetarisch“, berichtet Yakub Kambir. „Das war eine ganz bewusste Entscheidung, weil wir auch Menschen erreichen wollen, die kein Fleisch essen.“ Darüber hinaus ist es Murat Lök zufolge nicht sinnvoll, den ganzen Tag zu fasten und nach Sonnenuntergang den Verzicht durch ein üppiges Mahl nachzuholen. Aus diesem Grund habe der Prophet Mohammed zum Verzehr leichter Speisen geraten. „Er erließ eine einfache Regel, die auch über den Ramadan hinaus Gültigkeit besitzt“, fährt Lök fort. „Demnach soll jeder Gläubige seinen Magen mit einem Drittel Nahrung und mit einem Drittel Flüssigkeit füllen, das restliche Drittel soll leer bleiben.“ Dementsprechend leicht ist die Kost, die beim Fastenessen im Herzen Kirchheims serviert wird. „Letzten Endes soll auch nicht das Essen im Mittelpunkt stehen, sondern die Begegnungen und Gespräche, die über das Essen als soziale Interaktion ermöglicht werden“, so Yakub Kambir, der alle Interessierten zu diesem besonderen Erlebnis einlädt.

Am Samstag, 4. Juli, findet um 20.30 Uhr das dritte öffentliche Fastenessen der Kirchheimer Moscheen statt. Es wird von den muslimischen Glaubensgemeinden anlässlich des Ramadan organisiert, der am 16. Juli endet. Interessierte aller Religionen können an der Veranstaltung teilnehmen und Einblicke in die religiöse Praxis der in Kirchheim lebenden Muslime erhalten.

Essen stärkt die Nachbarschaft
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