Kirchheimer Umland

Etikettenschwindel und imposante Werke

Informative Orgelreise des Fördervereins Kirchenmusik unter Teck im Main-Tauber-Gebiet

An Grenzen und deren Überwindung erinnerte Bezirkskantor Ralf Sach zu Beginn der Orgelreise des Fördervereins Kirchenmusik unter Teck. Im Main-Tauber-Gebiet, dem Ziel der Fahrt, drängte es sich den Teilnehmern geradezu auf, wie zerrissen die politische Landschaft vor der Säkularisation gewesen war.

Die Teilnehmer der Orgelreise des Fördervereins Kirchenmusik unter Teck besichtigten auch die Orgel in der ehemaligen Abteilkirc
Die Teilnehmer der Orgelreise des Fördervereins Kirchenmusik unter Teck besichtigten auch die Orgel in der ehemaligen Abteilkirche Amorbach, die 1782 fertiggestellt worden war.Foto: Ernst Leuze

Kirchheim. Auch später noch wechselte die Zugehörigkeit mancher Gegenden mehrmals zwischen Hessen, Baden-Württemberg und Bayern. Doch heute ist längst „zusammengewachsen, was zusammengehört“, so wie es zwischen alten und neuen Bundesländern zum großen Teil auch schon geschehen ist.

Bei den Orgeln selbst war jedoch Gegenteiliges zu erfahren: Dort war auseinandergewachsen, was einmal zusammengehört hatte – nämlich die äußere Gestalt des Gehäuses einerseits samt Verzierungen, und andererseits das dahinter verborgene Klangwerk. Bis auf das erste, letzte und mittlere Instrument der Fahrt begegneten die Teilnehmer ausschließlich Orgeln, deren prächtige Prospekte aus dem 18. Jahrhundert stammen, die Pfeifen aber samt der dazugehörenden Technik ausnahmslos aus dem 19. und 20. Jahrhundert.

Etikettenschwindel? Zumindest im weltbekannten Amorbach, wo die überaus prächtige Kirche mit einem weit berühmten Orgelprospekt aus der Orgelbauerdynastie Stumm als historisches Juwel äußerst geschäftstüchtig vermarktet wird (nirgendwo zahlten die Teilnehmer mehr als einen halben Tausender nur für Besichtigung und Konzert). Der Führer durch Kloster und Kirche wäre sein Geld mehr als wert gewesen. Doch wegen des bestellten Organisten hätten die Teilnehmer noch Schmerzensgeld verlangen sollen. Das war schon starker Tobak für die Kirchenmusiker mit ihrem Tross, denen die eher mittelmäßige moderne Klais-Orgel (unsichtbar hinter dem historischen Prospekt) als teuer zu bezahlendes Stumm-Orgelwunder verkauft wurde, gespielt von einem mehr als bescheidenen Freizeitorganisten.

Wenn die Teilnehmer nicht in der Sankt-Jakobus-Kirche Wertheim eine neue Fleugels-Orgel im Kleid eines über 300 Jahre alten Gehäuses mit einem hoch professionellen Organisten gehört hätten, und das in einer Feier der heiligen Messe, dann hätten sie die Main-Tauber-Orgelkultur schon untergegangen gesehen. Denn Lichtblicke waren die anderen modernen Orgeln in historischen Gehäusen auch nicht gerade – das Stumm-Steinmeier-Jann-Instrument in Michelstadt schon gleich gar nicht. Noch nie auf einer Orgelfahrt mussten die Teilnehmer ein so roh ungehobeltes Instrument ertragen. Etwas mehr kam ihnen das Orgelkonzept in der Wallfahrtskirche Walldürn entgegen. Dauphin 1730 – Fleugels 1775 – Pop 1998. Letzterer brachte das Kunststück fertig, dieser Ansammlung von Orgelbausünden in einer verstaubten Kirche wieder eine Seele einzuhauchen, eine zerrissene zwar, aber immerhin.

Bleiben drei neue Orgeln, deren äußere und innere Gestalt gleichzeitig innerhalb der vergangenen 30 Jahre entstanden war. Am wenigsten gelungen das erst acht Jahre alte Instrument in „badisch Sibirien“ (Limbach im Odenwald), eine Rundorgel mit neckischen Designerelementen in einem ovalen Kirchenraum à la Corbusier, nur viel weniger gelungen als dessen Kirche in Ronchamp etwa. Ein Experiment darf auch misslingen, sagten sich die Teilnehmer an diesem ersten Morgen der Reise und hakten den zweifellos großen Wagemut einer kleinen Gemeinde schnell ab.

Ganz so einfach war das mit der 1982 erbauten Rensch-Orgel in Wertheim nicht. Das imposante Werk, ein Jahr nach Fertigstellung der Kirchheimer Martinsorgel entstanden, klang zwar erfreulich leicht und durchsichtig, erfüllte aber als typische Universalorgel ihrer Zeit nicht ganz die hoch gespannten Erwartungen der Fachleute der Gruppe. Immerhin animierte die Rensch-Orgel den künstlerischen Reiseleiter Ralf Sach zu ausgedehnt lustvollem Spiel. Unter den Klängen hatten die Teilnehmer Gelegenheit, Stärken und Schwächen dieser Orgelarchitektur zu diskutieren, die es nicht leicht hat, den Ansprüchen der historischen Kirchenarchitektur standzuhalten.

Bei der letzten Reisestation konnten die meisten gar nicht mehr wahrnehmen, mit welch stimmigem Ins­trument sie es zum Abschluss der Fahrt zu tun hatten. Es war eine Winterhalter Orgel von 1989. Endlich ein Instrument, das auch höheren ästhetischen Ansprüchen genügt.

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