Kirchheimer Umland

Exportschlager Biergarten

Im Hirschgarten in Kirchheim darf jeder sein Vesper mitbringen

Wenn die Sonne scheint und die Temperaturen steigen, erfreuen sich Biergärten großer Beliebtheit. Die bayerischen Gartenlokale sind ein weltweiter Exportschlager und stehen rund um den Globus für deutsche Gemütlichkeit und Geselligkeit. Auch im Kirchheimer Hirschgarten finden Besucher bayerische Lebenskultur und Tradition.

Im Kircheimer Hirschgarten von Familie Segatz kommen Fans der bayerischen und alpenländischen Lebenskultur auf ihre Kosten. Foto
Im Kircheimer Hirschgarten von Familie Segatz kommen Fans der bayerischen und alpenländischen Lebenskultur auf ihre Kosten. Foto: Daniela Haußmann

Kirchheim. Mitten im Winter 1812 erlaubte König Max I. Münchens Brauern, direkt vor den Toren ihrer Lagerkeller einen Ausschank zu eröffnen und begründete so das bayerische Nationalgut Biergarten, das vom Freistaat aus in ganz Deutschland Verbreitung fand. Der Biergarten ist ein urdemokratisches Vergnügen, klassenlos, ohne Quoten, ohne Gesichtskontrolle, eine sanfte Vorform der Occupy-Bewegung.

Was in Gastronomiebetrieben unversehens zum Rauswurf führen würde, ist nicht nur in den Biergärten der bayerischen Landesmetropole erlaubt, sondern auch im Kirchheimer Hirschgarten. „Hier dürfen Gäste ihr Essen, nebst Tischdecke und ererbtem Tafelsilber – wenn ihnen das Brotzeitmesser zu banal erscheint – im Picknickkorb mitbringen“, sagt Reinhard Segatz, Chef eben jenes Hirschgartens. „Nur die Getränke müssen beim Wirt gekauft werden.“ Dieses sogenannte Brotzeitrecht gilt ihm zufolge seit dem hoheitlichen Reskript von 1812.

Wer nach den Ursprüngen der Biergärten und damit des Brotzeitrechts sucht, muss in der Geschichte weit zurückgehen. Bevor Carl von Linde im 19. Jahrhundert die Kühlmaschine erfand, legten Brauer in den Flussterrassen der Isar Keller an, in denen sie ihren Gerstensaft lagerten und ihn ganzjährige mit Eis kühlten, um ihn auch im Sommer verkaufen zu können. „Gemäß der bayerischen Brauverordnung von 1539 war das Bierbrauen nur zwischen dem 29. September und dem 23. April gestattet, da die heißen Siedekessel immer wieder Brände auslösten“, erzählt Reinhard Segatz.

Um die Durchschnittstemperatur in den Gewölben weiter abzusenken, seien Kastanienbäume gepflanzt und Kies aufgeschüttet worden. Alsbald avancierten die lauschigen Orte zu beliebten Ausflugszielen, an denen das Bier Kühlung von innen und die Bäume von oben versprachen. Dagegen opponierten die Wirte, die sich ihrer Verdienstmöglichkeiten beraubt sahen. Wie viele soziale Errungenschaften, musste damit auch der Biergarten hart erstritten werden. Die Lösung des jahrelang schwelenden Zwists brachte laut Segatz das hoheitliche Reskript vom 4. Januar 1812, das den Brauern zwar den Ausschank, aber nicht die Abgabe von Speisen gestattete. Für das leibliche Wohl mussten die Besucher selbst sorgen – so entstand das Brotzeitrecht.

Unter dem Gartenlokal von Reinhard Segatz befindet sich zwar kein Bierkeller, aber pünktlich zur Saisoneröffnung hat er weitere Bäume gepflanzt und mehrere Tonnen neuen Kies verteilt sowie den Spielplatz auf der Gartenfläche weiter nach hinten gerückt. Verbunden mit der bayerischen und alpenländischen Lebenskultur und Tradition, die auch im Feststadl anklingt, ist der Hirschgarten für Besucher wie Rolf Haußmann ein Ort, an dem er Entspannung und Gemütlichkeit findet, an dem er sich aber auch gerne an den vergangenen Urlaub in den Alpen zurückerinnert und den Tag nach getaner Arbeit bei traditionellen Speisen wie Obatzda, Wurstsalat oder Spanferkel ausklingen lässt.

Silvia und Andreas Kerscher schätzen die ungezwungene Atmosphäre, bei der sie sich auch nach einer Zweiradtour in ihrer Motorradkleidung wohlfühlen. Für sie ist der Hirschgarten ein Treffpunkt, ein lauschiges Plätzchen des Austauschs und der Kommunikation, den sie hin und wieder auch mit ihren Mitarbeitern aufsuchen. Wer die nächste Runde zahlt, können die Gäste laut Reinhard Segatz beim Nageln ausmachen. Einem Spiel, bei dem Nägel in ein Holzbrett geschlagen werden. „Wer den Nagel als Letzter versenkt, muss die Zeche zahlen“, so der gebürtige Westfale.

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