Kirchheimer Umland

Feinste Abstufungen zaubern

Musik Begeisterung beim Weihnachtskonzert: Die Bläserklassen der Grundschulen überzeugten mit Präzision, die Jugendkapelle mit Charme und die Stadtkapelle mit aufregend neuem, dynamischem Sound. Von Ernst Leuze

Da sage noch einer, wir Schwaben wüssten immer nur den ersten Vers. Beim Weihnachtskonzert der Stadtkapelle Kirchheim war es die auswendig gesungene dritte Strophe „Himmlische Heere jauchzen dir Ehre“, die nach den eher zögerlich angestimmten ers­ten zwei Versen zum bewegenden Höhepunkt wurde.

Begonnen hatten die Bläserklassen vier der Teck-Grundschule und Freihof-Grundschule zusammen mit dem Vorstufenorchester unter der Leitung von Andrea Speiser und Marc Lange. Wen würde der kindliche Eifer in dieser Altersstufe nicht anrühren! Doch Intonationsreinheit und Präzision waren schon professionell - falls man das bei Kindern so sagen darf. Sollte die Sorgfalt und das aufeinander hören den Heranwachsenden zur zweiten Natur werden, müssten sie auf Lebenszeit immun sein gegen die meisten Gefährdungen. Das Erfolgserlebnis beim Weihnachtskonzert in der Stadthalle werden sie ihr Lebtag nicht vergessen. Dirigentin und Dirigent wurden zu Recht stürmisch gefeiert, denn ihnen bleibt zu verdanken, dass musikalische Bildung auch zur Menschenbildung wird.

Bei den Kindern bewährt und bei der Jugendkapelle erfolgreich fortgeführt: Ansage der Stücke durch die Spieler selbst. Das trägt zur Glaubwürdigkeit bei, wie auch das Grußwort von Herrn Maurer, einem der Menschen mit Handicap aus der Diakonie Stetten. Wie schon so oft haben sie den Jahreskalender der Stadtkapelle gestaltet. Seit mehr als einem Vierteljahrhundert pflegen die Kirchheimer Musiker die Verbindung und leisteten damit Pionierarbeit. Heute ist die Handicapkunst zum wichtigen Thema bei den Museen geworden.

Weihnachtskonzert Stadtkapelle Kirchheim
Weihnachtskonzert mit der Stadtkapelle Kirchheim. Foto: Markus Brändli

War es das zu warme Wetter, der anstrengende schulische Endspurt vor den Ferien oder die jedes Jahr veränderte Zusammensetzung der Jugendkapelle - so hochglanzpoliert wie letztes Jahr konnte sie sich diesmal nicht präsentieren. Vielleicht war es auch die erste Komposition? Sie kam so bräsig daher, dass es einfach nicht funkeln wollte. Der hochsensible Stadtmusikdirektor Marc Lange versuchte im zweiten Satz der „Little Concerto Suite“ immer wieder gegenzusteuern, indem er das Tempo anzog, doch das „little Dickschiff“ war einfach nicht flottzukriegen. Das gelang erst der „Goddess of Fire“, bei der sich die Jugendlichen, nomen erst omen, endlich freispielen konnten. Als dann beim „König der Löwen“ die süffigen Melodien von Elton John durch die Halle flitzten, war der Bann endgültig gebrochen. Die Jugendkapelle hatte ihren Charme wiedergefunden und entließ glückliche Zuhörer in die Pause.

Zwischen Eleganz und Groteske

Ob der witzig-spritzige Tonfall der Moderatorin Stephanie Rauschnabel von der Stadtkapelle würde aufgenommen werden können? In der „Christmas Overture“ von S. C. Taylor musste es sich erweisen. Doch wie das bei Arrangements oft so ist: Bis sich die Illusion eines Sinfonieorchesters einstellen wollte, dauerte es - diesmal bis zum zweiten Satz. Da fanden die Musiker schließlich den rechten Ton für die zwischen Eleganz und Groteske schwankende Musik über Weihnachtsmelodien.

Die Jugendkapelle brauchte etwas, um ihren Charme zu entwickeln (Bild oben). Dirigent Marc Lange steuerte seine Musiker über all
Die Jugendkapelle brauchte etwas, um ihren Charme zu entwickeln. Foto: Markus Brändli

Aber was dann folgte, war schlichtweg sensationell. Traumhaft sicher manövrierte Marc Lange durch die feinsten Verästelungen der Partitur. Wobei die Wiedergabe dem etwas angeberischen Titels „La Vita“ deutlich überlegen war. Dass unsere Stadtkapelle den wildesten rhythmischen Attacken lässig gewachsen ist, hat sie ja zur Genüge bewiesen. Dass sie jedoch so traumverlorene Pianissimi und feinste dynamische Abstufungen zaubern kann, das war aufregend neu. Und damit wird sie nächste Jahr auch punkten beim Internationalen Blasmusikwettbewerb in Prag. Mit ihrer Interpretation haben die Musiker jedenfalls alles überboten, was jemals von ihnen zu hören war. Bravissimo!

Weihnachtskonzert Stadtkapelle Kirchheim, Dirigent, Stadtmusikdirektor Marc Lange
Dirigent Marc Lange steuerte seine Musiker über alle musikalischen Klippen. Foto: Markus Brändli

Dass nach dieser Glanzleistung alles Folgende es schwer haben würde, war abzusehen. Weder „Weihnachten im Spiegel“ noch die Musik von John Rutter vermochten einen vom Stuhl zu reißen. Doch das Arrangement von Heinrich Zipse, einem der Hornisten der Formation, ließ doch aufhorchen. Welches Orchester kann sich glücklich schätzen, einen eigenen Arrangeur in seinen Reihen zu haben.

Damit sind wir schon bei den Zugaben, die sich die begeisterten Zuhörer in der prall gefüllten, weihnachtlich illuminierten Stadthalle erklatschten. Und, wie schon gesagt, beim jubelnden „O du fröhliche“.

Weihnachtskonzert Stadtkapelle Kirchheim
Die Bläserklassen der Grundschulen zeigten Intonationsreinheit und
Präzision. Foto: Markus Brändli
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