Kirchheimer Umland

Fenster lassen die Kirche neu erstrahlen

Glaskunst Mit dem Einbau der frisch restaurierten Chorfenster ist die Außensanierung der Kirchheimer Martinskirche abgeschlossen. Experten begeistern sich für die Scheiben aus dem 19. Jahrhundert. Von Andreas Volz

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Das Gerüst ist weg. Nur die abgedeckten Grabmäler im Chor erinnern noch an die Bauarbeiten. Damit ist jetzt die Außensanierung der Martinskirche abgeschlossen. Ganz recht: Auch wenn die Kirche, insbesondere durch die restaurierten Fenster, innen in einem ganz neuen Glanz erstrahlt, steht die eigentliche Innensanierung erst noch an. Die Fenster jedenfalls waren Bestandteil der Außensanierung - obwohl ihre Entnahme für Gerüstbau und Verdunkelung innerhalb der Kirche gesorgt hatte.

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Lange Zeit waren die Fenster ausgelagert, um bei der Firma Rothkegel in Würzburg restauriert zu werden. Im August hatte die Kirchengemeinde ihren Fenstern dort sogar einen Besuch abgestattet, um sich über den Fortgang der Arbeiten zu informieren. Was damals stets erwähnt worden war, war jetzt auch nach dem Wiedereinbau der Fenster in Kirchheim zu hören: Das Lob über die Besonderheiten der Kirchenfenster.

„Porträts sind ganz hohe Schule“

Bei der „Bau-Abnahme“ überboten sich zwei Experten gegenseitig in ihrer Begeisterung: Otto Wölbert vom Landesamt für Denkmalpflege und Matthias Rothkegel, der Geschäftsführer des gleichnamigen Unternehmens. Otto Wölbert lobt erst einmal die Kirchheimer ganz allgemein: „Ich bin froh, dass sie sich zu dieser Sanierung entschlossen haben. Das sind wirklich tolle Fenster, die sind grandios. Die Stifterporträts zum Beispiel sind ganz hohe Schule.“

Eigentlich sind es zwei unterschiedliche Schulen: Das Mittelfenster im Chor hat die Stuttgarter Firma Waldhausen und Ellenbeck 1886 geschaffen, die beiden Fenster links und rechts davon stammen von der Glasmalerei-Anstalt H. Beiler sen. in Heidelberg. Sie wurden 1904 gestaltet und zeigen rechts unten die Köpfe von Theodor Hecker und Emil Helfferich.

Beide waren 1904 schon nicht mehr am Leben. Aber ihre Witwen - die Schwestern Pauline und Luise Dauer - stifteten ihren Ehemännern zu Ehren die beiden Chorfenster, einschließlich der außergewöhnlichen Porträts. Otto Wölbert sagt dazu: „Das ist ganz große Handwerkskunst. Im 19. Jahrhundert gab es ja schon Techniken, Fotos auf Glas zu übertragen. Aber das ist hier nicht der Fall.“

Weil echte Kunst auch ihren Preis hat, sind die Fenster nicht nur in künstlerischer Hinsicht äußerst wertvoll, wie der Restaurierungsexperte von der Landesdenkmalpflege weiter ausführt: „Die Stiftung der Fenster war damals schon eine große Hausnummer, auch wenn wir keine Rechnung mehr haben. Aber das muss eine ordentliche Summe gekostet haben. Von diesem Geld allein hätten die beiden Witwen noch eine längere Zeit gut leben können.“

Unter Umständen hätte sich der ganze Aufwand kaum gelohnt, denn wenige Jahrzehnte später waren die Fenster schon massiv gefährdet: Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs hätten sie ohne Weiteres durch Kriegseinwirkungen zerstört werden können. Aber auch danach waren sie noch nicht als schützenswertes Denkmal anerkannt, wie Matthias Rothkegel berichtet: „Man kann sich glücklich schätzen, dass die Fenster überhaupt noch da sind. Mein Vater hat erzählt, dass man nach dem Krieg die Glasmalerei aus dem 19. Jahrhundert oft zusammengestampft und das Blei verkauft hat.“

Nazarener-Kunst galt als trivial

Das alte Metall war damals also mehr wert als die alte Kunst, zumal diese Kunst als solche vielleicht auch nicht mehr ganz so hoch im Kurs stand. Pfarrer Jochen Maier erinnert an den Stil der Nazarener, dem die Fenster nachempfunden seien: „Keiner lacht auf diesen Bildern.“ Er geht davon aus, dass die Motive für die Martinskirche nach allgemeinen Vorlagen entstanden sind. Dabei gilt es auch noch zu bedenken, dass die nazarenische Kunst schon Ende des 19. Jahrhunderts längst überholt war. Sie galt eher als trivial denn als innovativ. Kein Wunder, dass sie in der Nachkriegszeit noch weitaus geringer geschätzt wurde.

Jetzt aber ist diese Kunst mitsamt den Fenstern erst einmal auf lange Sicht gesichert. Matthias Rothkegel erfreut sich an der neuen „Brillanz“ der Scheiben und stellt fest: „Das Ergebnis rechtfertigt den Aufwand.“ Ein besonderer Aufwand bestand darin, Fehler der Vergangenheit „auszubügeln“: „Die Scheiben waren zu groß für ihre Rahmen. Beschneiden durften wir sie aber trotzdem nicht.“ Deswegen sind sie jetzt schräg gestellt, sodass sie sich wie Schuppen überlappen. Geschützt werden sie neuerdings von außen durch eine Schutzverglasung. So gesehen sind die bunten Fenster also im Zuge der Außensanierung leicht nach innen gerückt.

Martinskirche Neue Fenster Kirche Gerüst
Symbolbild
Martinskirche Neue Fenster Kirche Gerüst
Martinskirche Neue Fenster Kirche Gerüst
Martinskirche Neue Fenster Kirche Gerüst
Martinskirche Neue Fenster Kirche Gerüst