Kirchheimer Umland

Frauen vermitteln ihr Lebensgefühl

Literatur Bei der 20. Frauenlesenacht in der Stadtbücherei entführten drei Referentinnen über die Literatur in das Lebensgefühl ihrer Heimatländer. Von Helga Single

Die Bolivianerin Carla Rodriguez erzählte und demonstrierte herzerfrischend, wie sich die bunte Kleidung ihrer Heimat auf die St
Die Bolivianerin Carla Rodriguez erzählte und demonstrierte herzerfrischend, wie sich die bunte Kleidung ihrer Heimat auf die Stimmung und das Lebensgefühl auswirkt. Foto: Helga Single

Heiße lateinamerikanische Rhythmen dringen durch die Räumlichkeiten der Stadtbücherei. Die elf Musikerinnen von „Conga Crash“ aus Nürtingen bieten einen fulminanten Auftakt zur Frauenlesenacht mit Trommeln und Schlagzeug und stimmen mit „Afro Samba“ und Kubanischer Karnevalsmusik auf einen interkulturellen Abend ein.

„Ein Abend von Frauen für Frauen“ oder „die Welt zu Gast“, so könnte die Frauenlesenacht umschrieben sein, die dieses Jahr zum 20. Mal stattfindet. Ingrid Gaus, Leiterin der Bücherei, freut sich darüber, wieder Gastgeberin zu sein. An die hundert Besucherinnen sind gekommen und lassen sich durch die Musik in die richtigen Schwingungen versetzten, um danach den drei Referentinnen zu lauschen, die zeitgenössische Literatur und Lebensgefühl ihrer Heimatländer transportieren. Die Schreibwerkstatt Göppingen stellt ihr kleines Büchlein mit Geschichten von Migrantinnen vor.

Organisiert und durchgeführt wird die Veranstaltung vom Pädagoginnen-Treff. Dies ist ein seit 30 Jahren unabhängiger Zusammenschluss von Frauen, die im pädagogischen und sozialen Bereich tätig sind. Am heutigen Abend sind Vertreterinnen von „Frauen helfen Frauen“, „ProJuFa Frühe Hilfen Esslingen“ und „Sozialer Dienst“ anwesend. „Wir freuen uns, dass es die Veranstaltung schon so lange gibt und so erfolgreich ist“, sagt Renate Dopatka von Frauen helfen Frauen. „Alle kommen in einen Austausch und manchmal entwickeln sich auch längerfristige Kontakte daraus.“

Die drei Referentinnen, die in landestypischer Weise gekleidet sind, stammen aus Bolivien, Südkorea und der Mongolei. Jede von ihnen zieht sich mit einer kleineren Gruppe in einen anderen Teil der Bücherei zurück und liest zum Einstieg einen kurzen Text in der Muttersprache. Nach 45 Minuten wechseln die Gruppen, dadurch liegt eine Art Speed-Dating-Atmosphäre im Raum. Die literarischen Texte bieten die Grundlage, um bald auf ganz persönliche Themen wie Familie, Freundschaft, Liebe, Heimweh und Fremdsein zu sprechen zu kommen.

Sie kamen der Liebe wegen

So seien sie in irgendeiner Form alle der Liebe wegen nach Kirchheim gekommen und zunächst in eine für sie fremde Welt katapultiert worden. Während der „Gaisburger Marsch“ der Schwiegermutter so ähnlich schmecke wie früher zu Hause, eben dort mit Schaf- und Ziegenfleisch, wunderte man sich am Anfang über die vielen verschiedenen Töpfe, in denen alles gekocht wurde. Immer wieder sei man über etwas verwundert gewesen. So seien es am Anfang mangelnde Sprachkenntnisse gewesen, die sie sich fremd haben fühlen lassen, doch durch die Geburt ihrer Kinder kam auch Akzeptanz bei der Verwandtschaft, und danach habe man ein Stück weit mit den Kindern Deutsch mitgelernt.

Mit der Zeit wurde alles besser und Routine kehrte ein, Hemmungen verschwanden und das Neue wurde zum Bekannten, nicht zuletzt durch interessante Menschen, die unterstützten und mit Rat und Tat zur Seite standen.

Die Zuhörerinnen stellen Fragen zum Alltag früher und heute, zu Lebensgewohnheiten, zu verschiedenen Bräuchen, worüber alle drei mit großer Hingabe ausschweifend erzählen. „Wir in Bolivien lieben bunte Kleidung. Es ist ein Ausdruck unserer Lebensfreude und Lebensart. Die fröhlichen Farben übertragen sich auf unser Gemüt“, erklärt Carla Rodriguez. „Als ich eine Weile nur Schwarz trug, weil das in Europa stylish ist, ging es mir schlecht, und ich habe wieder umgestellt.“ Mit Begeisterung präsentiert sie, gefühlt einen Kleiderschrank voll, die buntesten Kleidungsstücke, die alle miteinander getragen werden, „wofür du hier schon mal schräg angeschaut wirst“.

Der Referentin aus Korea ist es ein Anliegen, über Geschichte zu sprechen und den Einfluss, der allgegenwärtig sei, nicht zuletzt der Teilung des Landes geschuldet. Sie erläutert das Wirken von Politik auf die Gesellschaft und nicht zuletzt auf die Familien. Sie unterstreicht ihre Aussagen mit vielen Fakten und Zahlen, ehe sie über den Alltag, die Schule und Berufswelt erzählt.

Inzwischen seien alle drei in beiden Kulturen zu Hause und hätten ihre Entscheidung nie bereut. Sie würden die Einladung des Pädagoginnen-Treffs gerne annehmen und in die Bücherei kommen. Nicht zuletzt, weil dies ein Ort von kultureller Begegnung sei und sie dadurch zur Gleichstellung von Frauen in der Gesellschaft beitrügen. Ein Abend wie dieser ermögliche, ihnen und ganz besonders Frauen aus anderen Kulturen „eine Stimme zu geben“ und ihnen Gehör zu verschaffen. „Das ist gelebte Teilhabe“, findet auch Renate Dopatka von Frauen für Frauen.

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