Kirchheimer Umland

Früher Schulbeginn quält „Eulen“

Wenn am Montag der Wecker wieder klingelt, ist das für Spätaufsteher sogar ungesund

Ob Menschen zu den Lerchen oder Eulen gezählt werden, hängt nicht von ihrer musikalischen Begabung ab, sondern sagt etwas über ihren Biorhythmus aus: ob sie Früh- oder Spät­aufsteher sind. Insbesondere Letztere sind vom frühen Unterrichtsbeginn benachteiligt. Deshalb steht ein späterer Schulbeginn immer wieder zur Debatte.

Motiviert ist im Unterricht nur, wer ausgeschlafen ist: Um zu vermeiden, dass Langschläfer in der Schule benachteiligt sind, gib
Motiviert ist im Unterricht nur, wer ausgeschlafen ist: Um zu vermeiden, dass Langschläfer in der Schule benachteiligt sind, gibt es in Hamburg und England Tests zu einem späteren Schulbeginn. In Kirchheim ist die Debatte aber erstmal vom Tisch.Fotos: Jean-Luc Jacques und Carsten Riedl

Kirchheim. Chronobiologen, also Wissenschaftler, die sich mit den inneren Zeit-Rhythmen von Menschen auseinandersetzen, haben es längst bewiesen: Dauerhaft ausreichender Schlaf ist eine notwendige Voraussetzung für die Gesundheit. „Jeglicher Schlafmangel beeinträchtigt das Gehirn, insbesondere bei Jugendlichen, die noch in der Entwicklung sind“, sagt Ulrich Kuhn, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin in Kirchheim. Forscher empfehlen Teenagern zwischen 14 und 17 Jahren acht bis zehn Stunden Schlaf pro Nacht. Bei dem in Baden-Württemberg weit verbreiteten Schulbeginn um 7.30 Uhr müssten die Schüler je nach Anfahrtsweg spätestens um 22  Uhr im Bett sein.

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2012 fanden Wissenschaftler in einer Studie heraus, dass zwei von drei Jugendlichen zu wenig schlafen, nämlich nur etwa sechseinhalb Stunden pro Nacht. Über die Hälfte der über 8 000 Befragten im Alter zwischen 16 und 25 Jahren fühlten sich tagsüber unausgeruht und nicht leistungsfähig. Lediglich 17 Prozent fühlten sich beim Aufwachen frisch und munter. Bereits vor etlichen Jahren kam daher bundesweit die Diskussion auf, den Unterrichtsbeginn nach hinten zu verschieben, um den Schülern eine bessere Gesundheit, mehr Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit zu ermöglichen. Ein späterer Schulstart würde zum einen dem Rhythmus jener Kinder gerecht, die zum Chronotyp Eule zählen, also Spätaufsteher sind. Dass manche Menschen von Natur aus früh fit und andere nachtaktiv sind, haben Forscher belegt. Außerdem käme ein späterer Unterrichtsbeginn Jugendlichen generell gelegen, denn je älter sie werden, desto später gehen sie in der Regel ins Bett.

Doch den wissenschaftlichen Argumenten für einen späteren Start in den Tag stehen einige praktische und logistische Aspekte gegenüber. Ein späterer Schulbeginn bedeutet selbstverständlich nicht mehr Freizeit, sondern längeren Unterricht, bis in den Nachmittag hinein. Dies ist zwar jetzt schon vermehrt der Fall, „uns ist es aber wichtig, dass die Kinder soziale Kontakte pflegen und Hobbys nachgehen“, sagt Frank Hugelmann, stellvertretender Schulleiter am Ludwig-Uhland-Gymnasium in Kirchheim. Die Mitgliedschaft in Vereinen ist nur möglich, wenn die Kinder rechtzeitig nach Hause kommen.

Außerdem müssten die Fahrpläne der öffentlichen Verkehrsmittel an neue Schulzeiten angepasst werden – ein Eingriff, der Geld kosten und nur mit entsprechender Vorlaufzeit umgesetzt werden könnte.

Lucia Heffner, Schulleiterin des Schlossgymnasiums ergänzt: „Ein späterer Unterrichtsbeginn würde mit den Arbeitszeiten vieler Eltern kollidieren. Man müsste also eine Frühbetreuung einrichten, bessere Arbeitsplätze für Lehrer schaffen und entsprechende Räumlichkeiten einrichten.“ Elternbeiratsvorsitzender Thomas Brinz hat die Erfahrung gemacht, dass sich die Meinung zum späteren Schulbeginn unter Schülern und Eltern gleichermaßen etwa drittelt: Ein Teil ist dafür, einer dagegen, dem dritten ist es egal.

Im Gymnasium Marienthal in Hamburg beginnt der Unterricht seit einiger Zeit um 8.30 Uhr. Der spätere Beginn wird durch kürzere Pausen kompensiert. In England läuft derzeit ein Testprojekt, bei dem rund 31 000 Schüler von 106 Schulen der Jahrgangsstufen zehn und elf erst um zehn Uhr in der Schule erscheinen müssen. Zusätzlich sollen die Schüler an speziellen Unterrichtseinheiten über Erkenntnisse der Schlafforschung teilnehmen. Die Forscher um Russell Foster von der Oxford University wollen herausfinden, ob die Schüler langfristig besser in Tests und Prüfungen abschneiden, wenn sie morgens länger schlafen können.

In Kirchheim ist die Diskussion trotz aller wissenschaftlicher Befunde erst einmal vom Tisch: zu groß der Aufwand, zu hoch die Kosten, zu laut die Gegenstimmen.

Fahrradaktionswoche Schlossgymnasium KirchheimKontrolle der Polizei vor der Schule
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Schule - Schüler - Aufgabe - Unterricht - Klassenzimmer
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