Kirchheimer Umland

Gelüftlt: der „doppelte Gnadle“

Michael Attinger lehnt sich mit seinem Bier aus dem Fenster – aber nicht zu weit und nur zum Schein

Na, dann Prost: Stiftsscheuerwirt Michael „Gnadle“ Attinger stößt mit seinem gemalten Ebenbild an der Rückseite der Kirchheimer
Na, dann Prost: Stiftsscheuerwirt Michael „Gnadle“ Attinger stößt mit seinem gemalten Ebenbild an der Rückseite der Kirchheimer Gasthausbrauerei auf die Tradition an - sowohl auf die des Bierbrauens als auch auf die der Lüftlmalerei.Foto: Jean-Luc Jacques

Kirchheim. Keine Angst: Wer das Foto zu diesem Artikel betrachtet, muss nicht unbedingt zu viel Bier getrunken haben, um doppelt zu sehen. Die beiden, die sich da zuprosten, sind Stiftsscheuerwirt Michael

Andreas Volz

Attinger, genannt „Gnadle“, und sein gemaltes „Spiegelbild“. Das Konterfei ist aber mehr als nur eine spaßige Variante von Kunst am Bau. Es trägt nämlich dazu bei, den ursprünglichen Bauzustand der Kirchheimer Stiftsscheuer zumindest optisch wiederherzustellen.

Einstmals gab es an der Rückwand drei Fenster. Das dritte, ganz links, fiel aber dem Umbau vor einigen Jahren zum Opfer. Dahinter befindet sich heute der Kühlraum. Für Michael Attinger war das immer ein wunder Punkt, dem Gebäude wegen „innerer Bedürfnisse“ in die Außenhülle eingegriffen zu haben. Also besann er sich auf ein stilbildendes Element, das anderswo auch gerne gehandhabt wird – ob man es nun als „Scheinarchitektur“ oder als „Lüftlmalerei“ bezeichnen will.

Was nicht ist, einfach andeuten: Normalerweise werden auf diese Art – innen wie außen – Kuppeln, Gewölbe, Säulen, Balkone oder Erker vorgetäuscht. Oft genug finden sich an den Fassaden aber auch Fenster, die nur mit dem Pinsel aufgebracht wurden, ohne dass es zu einem echten „Durchbruch“ gekommen wäre. Manchmal sind es auch, wie im Fall der Stiftsscheuer, zugemauerte Fenster, die dann in neuer Pracht nachgeahmt werden.

Die Gründe dafür sind vielfältig. „Mehr Schein als Sein“, kann die Devise lauten, um mit günstigeren Mitteln der Fläche eine räumliche Wirkung zu geben. Es kann sich aber auch schlicht um Symmetriegründe handeln, die eine Fenstersimulation erforderlich machen. Nun ist die Symmetrie an der Rückwand der Stiftsscheuer zwar nicht die allerstrengste, aber sie ist doch deutlich erkennbar, und das Lüftlfenster hat auch aus diesem Grund durchaus seine Berechtigung.

Michael Attinger ist aber ehrlich genug, weder architektonische Feinheiten noch Prunksucht ins Feld führen zu wollen. Er spricht lieber von einer „blöden Idee“, die er da mal hatte. Gemeinsam mit dem Kirchheimer Hans-Hilmar Seel hat er sie umgesetzt. Die Aufgabe des Wirts war es, als Fotomodell zu posieren und sich mit einem frisch gezapften Bier aus einem der „richtigen“ Fenster zu lehnen. Nach dem dabei entstandenen Bild hat Hans-Hilmar Seel den „Lüftl-Gnadle“ so lebensecht wie möglich auf den Putz aufgetragen.

Die Lüftlmalerei immerhin lässt Michael Attinger als Tradition gelten, an der er sich in dieser Hinsicht orientiert hat – kommt sie doch aus einer Region, die man gemeinhin auch mit der Tradition des Bierbrauens und des Bierkonsums in Verbindung bringt: Oberbayern. In beiden Fällen, beim Bier wie bei der Malerei, handelt es sich um ehrenwerte Handwerkskunst. Und beides findet sich nun an der Stiftsscheuer-Fassade bestens vereint. Was will man mehr?

Der einzige Wunsch, der dem biertrinkenden Betrachter noch übrig bliebe, wäre der, mit dem gemalten „Gnadle“ tauschen zu dürfen. Schließlich hat der, seit er da an der Außenwand prangt, bei Tag und Nacht stets ein volles Glas zur Hand. Man muss aber auch dem echten „Gnadle“ auf dem Foto zugestehen, dass er in seiner knitzen Art so etwas wie „überschäumende“ Lebensfreude verkörpert, als ein in mancherlei Hinsicht „barocker“ Mensch. „Barock“ ist übrigens das richtige Stichwort, war in dieser Zeit doch die Begeisterung für architektonische Illusionen besonders groß.

Das volle Bierglas ist indessen immer eine Illusion. Was für einen Wert hätte es denn auch, wenn es wirklich ständig voll bliebe? Eben: keinen. Deswegen macht es der leibhaftige „Gnadle“ auch vor, wie man mit der vollen Halben am besten umgeht. Als Wirt füllt er dann umgehend wieder nach – ganz ohne jede Illusion.

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