Kirchheimer Umland

Gibt es ein Leben nach der Kläranlage?

Auch die Lauter kommt auf den Prüfstand der Wasserbiologinnen

Die beiden Naturwissenschaftlerinnen Sarah Löber und Corinna Bächle untersuchen die biologische Qualität der Flüsse und Bäche im Landkreis Esslingen. Dabei haben sie unter anderem in Kirchheim eine Probe an der Lauter genommen.

Blick für Details: Wie ist die Wasserqualität? Sarah Löber scheut sich nicht, ins Wasser zu steigen.Fotos: Jean-Luc Jacques
Blick für Details: Wie ist die Wasserqualität? Sarah Löber scheut sich nicht, ins Wasser zu steigen.Fotos: Jean-Luc Jacques

Kirchheim. Sarah Löber balanciert vorsichtig in die Mitte der Kirchheimer Lauter. Die grüne Wathose reicht ihr bis unter die Achseln. „Das ist gar nicht so ohne“, ächzt sie und kämpft gegen die Strömung. Steine schimmern durch das sonnenglitzernde Wasser. Es rauscht und gluckert. Die zierliche Frau wühlt mit dem Fuß den Grund auf, bürstet Steine ab und fischt dann im Trüben. Dazu taucht sie einen langstieligen Kescher mit einem feinmaschigen Netzsack an einem quadratischen Rahmen mehrmals gegen die Fließrichtung in die Strömung.

Das Landratsamt Esslingen hat das Wendlinger „Büro am Fluss“ beauftragt, die Fließgewässer im Kreisgebiet zu untersuchen. Corinna Bächle, Diplom-Biologin und Praktikantin im „Büro am Fluss“, notiert, was ihr Sarah Löber nebenbei zuruft: „Megalithal.“ „Mesolithal.“ „Akal.“ Was sich da anhört wie eine Geheimsprache, bezeichnet die Größe des Substrates im Flussbett. Dieses reicht von großen Steinen und Blöcken bis über Kies in unterschiedlichen Korngrößen hin zu Sand und mineralischem Schlamm. Organische Substanzen, also meist solche pflanzlicher Herkunft, erwähnt Löber separat. Dazu gehört Totholz, Äste, aber auch Algen, Moose und Wasserpflanzen.

Sarah Löber schüttet den Inhalt ihres Keschers in eine weiße, rechteckige Kunststoffschale. Zunächst sieht es lediglich aus wie Sand und Kies. „Da! Eine Groppe“, ruft sie und deutet in die Schale. Tatsächlich zappelt in einer Ecke ein etwa sieben Zentimeter langes Fischchen mit breitem Kopf. Ein gutes Zeichen für die Wasserqualität. Denn Groppen sind sehr anspruchsvoll bei der Sauberkeit und dem Sauerstoffgehalt des Wassers. Sie sind nachtaktiv und verstecken sich tagsüber unter Steinen und zwischen Pflanzen. Die Groppe ist geschützt. Deshalb darf sie auch gleich wieder zurück in die Lauter.

Dagegen bleibt die Leibspeise der Groppe – Eintagsfliegenlarven und Bachflohkrebse – in der Weißschale zurück. Wissenschaftler sprechen hier von der Makrozoobenthosfauna. Das Wort ist länger als die meisten Tiere, die es beinhaltet. Denn gemeint sind damit vor allem Insektenlarven, Krebse, Schnecken, Muscheln und Würmer. Welche Arten davon ins Netz gehen, lassen Rückschlüsse zu auf die ökologische Qualität des Flussabschnittes und auf Belastungen beispielsweise mit Abwasser oder durch intensive Landwirtschaft.

Um möglichst alle der wimmelnden Tierchen mitzunehmen, spülen die beiden Frauen den Kescherinhalt mit Lauterwasser aus. In der Weißschale entdeckt Corinna Bächle eine kleine Flussnapfschnecke, und ein schwarzer Egel macht sich lang und länger. Sie betrachtet die Behausung einer Köcherfliegenlarve. Diese bauen sich aus Sand, Steinchen oder auch Pflanzenresten einen kleinen Tunnel, indem sie so lange leben, bis sie als erwachsenes Insekt schlüpfen. „Diese filigranen Köcher faszinieren mich immer wieder“, schwärmt sie.

Mit einer Pinzette zupft Löber im Netz verhakte Borstenwürmer ab und legen sie in kleine Glasbehälter. „Die Würmer bestimmen wir heute Abend genau unter dem Mikroskop“, erklärt Löber. So lange kommen die ganzen Viecher in ein Behältnis, und das wandert in eine Kühlbox. Damit die Probe später eindeutig zuzuordnen ist, gibt ihnen Bächle noch eine „Flaschenpost“ mit. Das ist ein Zettel mit der Nummer der Probe, der in ein verschließbares Plastikröhrchen kommt.

Wenn Löber und Bächle Sand und Wasser in der Schale schwenken, ziehen sie damit auch neugierige Blicke an. „Wir wurden schon hin und wieder gefragt, ob wir schon Gold gefunden hätten“, lachen die beiden. Dabei ist sauberes Wasser am Ende viel wichtiger.

Sarah Löber
Sarah Löber
Blick für Details: Wie ist die Wasserqualität? Sarah Löber scheut sich nicht, ins Wasser zu steigen.Fotos: Jean-Luc Jacques
Blick für Details: Wie ist die Wasserqualität? Sarah Löber scheut sich nicht, ins Wasser zu steigen.Fotos: Jean-Luc Jacques

Alles klar oder trübe Aussichten?

Sie haben ja nun schon die meisten Proben gezogen. Können Sie schon etwas zum Ergebnis sagen?

Löber: Nein, das können wir erst nach der endgültigen Auswertung. Unsere Ergebnisse werden ja auch noch nach einem standardisierten Verfahren hochgerechnet und mit früheren Untersuchungen verglichen.

Gibt es offensichtliche Unterschiede im Kreisgebiet?

Löber: In den Gegenden mit intensiver Landwirtschaft, also beispielsweise auf den Fildern, haben wir schon öfter eine schlechtere Wasserqualität. Hier um Kirchheim, am Fuße der Schwäbischen Alb, ist es zumindest vom bisherigen Eindruck sauberer.

Woran merken Sie das, wenn das Wasser nicht so ist, wie es sein könnte?

Löber: Wenn eine Art massenhaft auftritt, ist das immer ein Zeichen für eine Störung. So sind beispielsweise viele Schlammröhrenwürmer ein Zeichen für organisch verschmutztes Wasser, etwa durch unzureichend oder nicht geklärte Abwässer.

Was kann die Qualität eines Flusses oder Baches noch trüben?

Löber: Unzulänglichkeiten am Ufer wie Verbauungen oder Defizite im Bach- oder Flussbett können sich ungünstig auf den Sauerstoffgehalt und damit auf die Tiere im Wasser auswirken. An einem zu glatten Flussbett können sich die Tiere nur schwer gegen die Strömungen behaupten.

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