Kirchheimer Umland

„Gwendolin“ macht Märchen lebendig

Puppenspiel Ein eingespieltes Team von sechs Frauen bietet seit über 25 Jahren ehrenamtliches Marionetten­theater an. Zu Gast sind hauptsächlich Kirchheimer Kindergärten und Grundschulen. Von Andreas Volz

Figurentheater mit Musik und Erzählerin: Das gibt es ehrenamtlich im Hause Russ schon seit Anfang der 90er-Jahre.Foto: Carsten R
Figurentheater mit Musik und Erzählerin: Das gibt es ehrenamtlich im Hause Russ schon seit Anfang der 90er-Jahre.Foto: Carsten Riedl

Der Kindergarten macht einen Ausflug. Es sind die Vorschulkinder des Kirchheimer Raunerkindergartens. Gemeinsam mit ihren Erzieherinnen marschieren sie aber nicht in den Wald, ins Museum oder ins Schwimmbad. Sie steuern ein Privathaus an. Was sie dort in einem Kellerraum erwartet? Eine fremde Welt, oder besser gleich zwei fremde Welten: die Theaterwelt und die Märchenwelt.

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Das Marionettentheater „Gwendolin“ ist benannt nach einem Hund, dem längjährigen Maskottchen. Verantwortlich für das Figurentheater ist ein eingespieltes Team von sechs Frauen. Zwei sind schon seit Beginn dabei, seit Anfang der 90er-Jahre: Annemarie Schurr und Else Russ.

Letztere gibt - nach Auskunft der anderen fünf - bei „Gwendolin“ den Ton an, was sie selbst aber vehement von sich weist. Schließlich können alle in gleicher Weise mitreden, wenn es gilt, ein neues Märchen auf der Puppenbühne in Szene zu setzen. Als nächstes soll der „Froschkönig“ einstudiert werden. Vorläufig haben alle den Text bekommen. Hausaufgabe: lesen und sich Gedanken machen, wie sich einzelne Szenen herausarbeiten und umsetzen lassen.

Jede dieser Szenen ist ein „Vorhang“. Der Vorhang als solcher ist das wichtigste Requisit. Wenn der zugeht, sind die vier Puppenspielerinnen besonders eifrig am Werkeln: Neue Kulissen werden in Windeseile aufgebaut, samt Möblierung, Pflanzen und Getier. Vorhang auf - und schon können die Kinder wieder in einen neuen Fantasieraum eintauchen, der jedes Mal durch eine außerordentlich große Liebe zum Detail besticht.

Das Marionettentheater - gestern wurde noch nicht der „Froschkönig“ gespielt, sondern das aktuelle Stück „Dornröschen“ - besteht aus drei gleichberechtigten Teilen: Hinter der Kulisse ziehen Heidi Mutschler, Marianne Uebele, Bärbel Höfle und Else Russ die Fäden. Seitlich sitzt Monika Herzog, die das Stück musikalisch begleitet, an einer Veeh-Harfe. Die zauberhaften Saitenklänge ergänzen den Märchenstoff ideal. Die eigentliche Geschichte trägt Erzählerin Marianne Schurr vor. Die Puppenfiguren sprechen also nicht selbst. Sie illustrieren nur höchst lebendig die Geschichte, sodass die Kinder das Märchen gleich über zwei Kanäle erleben können - über Auge und Ohr.

Und nicht nur das: Das Stück ist sogar interaktiv. Die Kinder können mitmachen. Bestens geeignet ist das Lied „Dornröschen war ein schönes Kind“. Die Melodie ist eingängig, der Text besteht aus vielen Wiederholungen, sodass man das Lied nicht kennen muss, um mitsingen zu können.

Märchen muss man nicht erklären

Heutzutage ist es nicht mehr selbstverständlich, dass die Kinder überhaupt das Märchen kennen, weiß Else Russ aus langjähriger Erfahrung: „Wenn die Eltern aus einem anderen Kulturkreis kommen, können sie ihren Kindern die Märchen ja nicht erzählen.“ Andererseits brauche es bei Märchen kein Vorwissen: „Jedes Kind kann die Geschichten verstehen, ohne dass man sie erklären muss.“

Die Beschäftigung mit den Texten geht bei „Gwendolin“ weit über das Strippenziehen hinaus: Die Mitspielerinnen lesen Fachliteratur und tauschen sich über die Interpretationen aus. Hinzu kommen Puppenspielworkshops - unter anderem im Goetheanum im schweizerischen Dornach.

Nahezu alle Kindergärten und Grundschulen Kirchheims haben schon Kinder ins kostenfreie Puppentheater geschickt. Die Kinder danken mit Applaus. Oft haben sie auch Geschenke dabei: Gestern waren es Kerzen aus eigener Herstellung. 20 bis 25 Vorstellungen gibt es im Jahr - auch für Erwachsene. Der Kontakt wird telefonisch hergestellt. Und was sagt Hausherr Eberhard Russ dazu? Er nimmt es mit Humor und meint: „Wir haben ständig Theater im Haus.“