Kirchheimer Umland

Herkulesaufgaben sind „machbar“

Angelika Matt-Heidecker spricht beim Dämmerschoppen vor allem über die Flüchtlingsdebatte

Ganz, aber nicht ausschließlich im Zeichen der Flüchtlingskrise stand der Kirchheimer Dämmerschoppen in der Stadthalle. Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker bat ihre Mitbürger auch im neuen Jahr um Wohlwollen, Verständnis und Unterstützung, als sie allen gemeinsam zurief: „Nehmen wir die Herausforderungen an.“

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Kirchheim. Zunächst einmal ging es ausgesprochen fröhlich und lebhaft zu auf der Bühne der Stadthalle: Der „Chor ohne Barrieren“ – ein gemeinsames Projekt von Lebenshilfe und Musikschule – sang unter der Leitung von Andrea Wahl. Spätestens bei „Marmor, Stein und Eisen bricht“ zeigte sich, wie unverwüstlich selbst Uraltschlager sein können. Die Stimmung schwappte auf den ganzen Saal über: sowohl die Stimmung, die von der Musik ausging, als auch Stimmung, die von der besonderen Lebensfreude manch eines Sängers ausging. Mit großer Begeisterung applaudierte das Publikum, und mit noch größerer Begeisterung nahm der eine oder andere den Applaus entgegen.

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Barrierefreiheit und Inklusion nannte die Oberbürgermeisterin denn auch als wichtige Ziele der Stadt Kirchheim. Die Lebenshilfe bezeichnete sie als einen „kompetenten Träger für Wohnen, Freizeit, Erziehung und Arbeiten“, dem die Stadt viele Ideen, Hinweise und „so manchen Fingerzeig“ verdanke.

Einen Fingerzeig ganz anderer Art gibt es derzeit durch die Flüchtlingspolitik. „Europa kann sich nicht abschotten, um sein Wohlgefühl nicht teilen zu müssen“, stellte Angelika Matt-Heidecker fest, indem sie einen Artikel aus der „Zeit“ zitierte. Darin hieß es weiter: „Die Menschen, die heute vor unserer Haustüre landen, wollen von der Globalisierung profitieren und nicht ihre Opfer bleiben.“

Dennoch ging die Oberbürgermeisterin auch kritisch auf die Geschehnisse von Silvester ein, wie sie sich in Köln und anderen Städten ereignet haben. „Nichts steht über unserem Grundgesetz, weder die Bibel noch der Koran“, wiederholte sie ihre Aussage aus der jüngsten Bürgerinformation und ergänzte: „Eins ist gewiss, die Frau steht nicht an zweiter Stelle.“ Sie selbst wolle auch in Zukunft mit ihrer Nachbarin in der Neujahrsnacht um 3 Uhr zu Fuß nach Hause gehen können und sich „an einer herrlichen Freiheit und Sicherheit in Kirchheim erfreuen“. Sie wolle dabei jedem unbefangen begegnen und ein ehrlich gemeintes „Prosit Neujahr“ austauschen können. „Wer das nicht akzeptiert, hat kein Bleiberecht“, sagte sie in aller Deutlichkeit.

Auch in einem anderen Punkt sprach sie Klartext und schenkte reinen Wein ein: „Wir werden eine Vielzahl der Flüchtlinge nicht als Arbeitskräfte brauchen und einsetzen können.“ Trotzdem müssten Milliarden an Euro ausgegeben werden, um die Menschen in die Bildungssysteme zu bringen, für Betreuung und Integra­tion. Auch schärfere Kontrollen wegen einer möglicherweise wachsenden Kriminalität kosteten Geld. Geld und Kraft kosteten auch die raschere Überprüfung der Migrationshintergründe sowie ein rascheres Ausweisen, wenn es keinen Grund zum Bleiben gebe. Aber trotz aller aktuellen und künftigen Anstrengungen hält Angelika Matt-Hei­decker an einer Überzeugung fest: „Es ist machbar.“

Machbar ist für sie auch das Einsparen von CO2 in der Stadt oder das Herausfiltern von Arzneimittelrückständen im Gruppenklärwerk. Machbar sei es auch gewesen, die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Ar­beitsplätze in Kirchheim seit Anfang 2000 von 13 500 wieder auf 17 000 zu steigern. Ebenso machbar sei der Bau des neuen Rauer-Campus für 27,3 Millionen Euro oder die Schaffung von Hunderten neuer Wohneinheiten in den kommenden Jahren. Das waren nur einige der kommunalpolitischen Themen, die Angelika Matt-Heidecker in ihrer Rede anriss.

Anschließend landete sie doch wieder beim alles beherrschenden Thema: „Ohne die Maßnahmen zur Flüchtlingsunterbringung wären wir auch 2016 ohne neue Schulden ausgekommen und hätten die Verschuldung weiter abgebaut.“ Folglich wandte sie sich mit einem Hilferuf nach finanzieller Unterstützung an die Bundestagsabgeordneten, denn: „Wir Kommunen sind diejenigen, die die Herkulesaufgabe Flüchtlingsunterbringung zu stemmen haben.“ Spätestens beim nächsten Dämmerschoppen, 2017, dürfte sich zeigen, welcher Erfolg diesem Hilferuf beschieden sein mag.

OB Matt-Heidecker bei Ihrer Ansprache
OB Matt-Heidecker bei Ihrer Ansprache