Kirchheimer Umland

Heute kommt das Essen aus der Kochbox

Selbstversuch Kochen, einigermaßen regional und ziemlich lecker, ohne Einkaufsliste und Vorkenntnisse: Mehrere Anbieter machen das heutzutage möglich. Von Irene Strifler

Foto: Carsten Riedl

Am Anfang hört keiner richtig hin. Von einer Marlies ist immer wieder die Rede. Wahrscheinlich die neue Flamme vom Sohn. Denken wir. Hellhörig werden wir, als im Zusammenhang mit Marlies immer der Begriff „kochen“ fällt. Was soll das denn? Schließlich gilt für den Sohn bis dato das goldene M als Gipfel internationaler Spitzengastronomie.

Irgendwann fällt der Groschen. Hier geht es nicht um einen Menschen aus Fleisch und Blut, sondern um eine Kochbox. Was ist das denn? Das fragen wir erst uns, dann die Kinder, dann das Internet. Seither wissen wir bescheid: Kochkisten sind etwas für Menschen mit geringem Zeitbudget, die dennoch selbst in der Küche leckere Gerichte herstellen wollen. Die Zahl der Anbieter ist am Wachsen, einer der Platzhirsche heißt „Marley Spoon“.

Also gut, warum nicht mal einfach testen? Die Söhne sind begeistert, das sind die besten Voraussetzungen. „Das kriegt jeder hin“, meint der Große zuversichtlich, dessen Kochkünste sich auf die Lektüre des Aufdrucks auf Mikrowellen-Gerichten beschränken. Also gut. Wir sehen über alle Bedenken hinweg, schlucken satirische Bemerkungen hinunter.

Schon der Anfang wird uns leicht gemacht, das Unternehmen Kochbox macht der ganzen Familie Spaß. Viele Fragen beantwortet die Homepage des Anbieters schlauerweise von selbst. „Saisonale Rezepte und Zutaten direkt zu Dir nach Hause“ verspricht sie. Alles frisch und in exakt der Menge, die auch zum Kochen benötigt wird. Lebensmittelabfälle fallen also nicht an. Kühlpads halten die Lieferung frisch, und in sechs Schritten geht‘s dann per Musterkarte ans Kochen - ein Kinderspiel. Wöchentlich stehen mehrere Gerichte zur Auswahl, für Familien und für den Zweipersonenhaushalt. Je mehr man abnimmt, desto günstiger. Wobei „günstig“ eine Frage des Vergleichs ist. Man darf da nicht von einem Vierpersonenhaushalt ausgehen, in dem ohnehin Grundnahrungsmittel vorrätig sind und der Speiseplan mit etwas Weitblick erstellt wird.

Die Auswahl der Gerichte am PC ähnelt dem Schmökern in einer gut aufgemachten Speisekarte. Wir lassen die Jungs entscheiden. Die Wahl fällt auf Wirsing-Risotto mit Speck und Apfelspalten sowie Rinderhack-Hamburger mit Süßkartoffeln, Sauerrahm und Zimtrotkraut. Im Haushalt vorhanden sein müssen wirklich nur Basics: Essig, Öl, Salz und Pfeffer.

Geordert wird einige Wochen im Voraus, am Wunschtermin erwarten alle die Lieferung mit Spannung. Drei Minuten nach dem genannten Zeitfenster von 8 bis 12 Uhr ist das Paket tatsächlich da. Darin perfekt verstaut und appetitlich anzuschauen die Zutaten für beide Gerichte nebst farbenfrohem DIN-A4-Blatt. Abends macht sich einer der Jungs gleich ans Werk. Als wir von der Arbeit heimkommen, duften die Süßkartoffeln verlockend aus dem Ofen, die Hamburger werden grad angebraten, die Brötchen sind schon aufgetoastet. Kurz darauf steht das Essen auf dem Tisch. „War ganz schön Arbeit“, findet der Sohn, stolz auf „sein“ ausgefallenes Menü. Wir loben eifrig und lassen‘s uns schmecken. Zum Essen öffnen wir noch ein Fläschchen Wein und gönnen uns einen Espresso zum Nachtisch. Hat Spaß gemacht und gut geschmeckt, lautet das zufriedene Urteil im Familienrat. Doch zurück bleiben nicht nur glückliche Eltern und Kinder, sondern auch Unmengen an Verpackungsmüll.

Beim zweiten Gericht ist die Begeisterung schon geringer. Wir Eltern sind es, die den Kochlöffel schwingen. - Wie immer halt. Nur dass wir alles portioniert vorfinden. Dumm auch, dass wir drei Wochen vorher schon entscheiden mussten, was wir essen wollen. So richtig Lust auf Risotto hat eigentlich keiner. - Egal, geschmeckt hat‘s. Abgespeichert wird das Ganze als amüsantes Experiment, Wiederholung eher unwahrscheinlich.

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