Kirchheimer Umland

„Hey, what‘s up?“

Kirchheimer Linde bietet einen neuen Ort für lockere Treffen von Flüchtlingen und Neugierigen

Monopoly spielen, kickern, quatschen: Das neue Café „What's up?“ im Mehrgenerationenhaus Linde macht es Flüchtlingen und Kirchheimern möglich, sich zu beschnuppern und kennenzulernen. Schon jetzt sind erste Sprachpatenschaften entstanden. Die Ehrenamtlichen hoffen auf mehr.

Volles Haus in der Kirchheimer Linde: "What's up" ist nicht nur bei Flüchtlingen beliebt. Foto: Jean-Luc Jacques

Kirchheim. Der Weg zur Theke ist beschwerlich, der Lautstärkepegel hoch. Im beschaulichen Café Teetris im Mehrgenerationenhaus Linde tummeln sich rund fünfzig Menschen. Besonders der Kicker im Vorraum übt eine erstaunliche Anziehungskraft aus: „Da muss man halt kein Deutsch sprechen können“, erkärt die Verantwortliche Anja Hezinger schmunzelnd. Syrer und Gambier stehen darum und lassen den kleinen, weißen Ball nicht mehr aus den Augen. Kommt jemand zur Tür herein, wird er zugleich begrüßt: „Hey, what‘s up?“ Alter Bekannter oder Fremder – Am Dienstagabend spielt das in der Linde keine Rolle.

Ab 17 Uhr gehört das Café Flüchtlingen, Ehrenamtlichen und neugierigen Kirchheimern. Und das werden in letzter Zeit immer mehr. Der Treff macht ein zwangloses Beschnuppern möglich. Viele der Gekommenen bleiben am Ende, weiß die Koordinatorin der ehrenamtlichen Flüchtlingsarbeit Theresa Ringwald: „Es gibt fünf Ehrenamtliche, die das Ganze hier mit aufgebaut haben“, sagt sie. „Und eine große Menge, die seit Kurzem neu dabei sind.“ Der Wille in Kirchheim zu helfen ist groß: Ringwald selbst kennt 160 Freiwillige – plus Dunkelziffer.

Schon im Containerdorf in der Dettinger Straße gab es die wöchentlichen Treffen von Flüchtlingen, Helfern und Interessierten. Mangels Alternativen fanden die im Sommer noch im Freien statt. Mit Herbstanfang öffnete das Mehrgenerationenhaus die Pforten.

Im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben“, wird das Projekt in der Linde finanziell gefördert – als eines unter 17 anderen in Kirchheim. Rund 305 000 Euro fließen für Projekte, die Demokratie und Vielfalt fördern, in den kommenden fünf Jahren vom Familienministerium nach Kirchheim. Davon hat das Mehrgenerationenhaus bis Jahresende etwa 1 000 Euro zur Verfügung. Von dem Zuschuss profitieren auch neue Ideen: Bald gibt‘s im Anschluss an das Treffen deutsche Filme mit Untertiteln zu bestaunen. Abwechselnd damit findet eine Jam-Session statt, zu der jeder seine eigenen Instrumente mitbringen kann.

Auch zur Ankunft der Flüchtlinge in der Kreissporthalle wurde das Café pünktlich eröffnet: Zu „What‘s up?“ kommen jetzt Bewohner aus dem Containerdorf und der Sporthalle, teils sogar aus der Gemeinschaftsunterkunft in der Charlottenstraße, die eigentlich ihr eigenes Café hat. „Das Treffen soll gezielt die Möglichkeit bieten, mit den Ehrenamtlichen über Probleme zu sprechen“, sagt Anja Hezinger. Für die Flüchtlinge in der Dettinger Straße sei es manchmal schwierig, dort Ansprechpartner zu finden.

Hasan Marei ist einer der Besucher aus der Kreissporthalle. Der 26-jährige Syrer wohnt in der Sporthalle in der Boschstraße. Nach drei Monaten in Ellwangen kann er sich mühsam auf Deutsch unterhalten, muss manchmal auf die englische Sprache ausweichen. Sein Wissensdurst ist damit nicht gestillt: Nach vier Wochen in Kirchheim hat er schon einen Sprachpaten. Die erste Deutschstunde in der Stadtbücherei haben sie bereits absolviert. Jetzt wollen sie sich jede Woche treffen.

Theresa Ringwald hofft, dass die Begegnungen in der Linde zu mehr führen, die Bedingungen seien optimal: „Dabei kommt es ja auch auf die Sympathie an“, sagt sie: „Hier können sich die Menschen erstmal kennenlernen. Manchmal wird daraus mehr.“

Sprachpaten müssten keine Deutschlehrer sein. „Wir haben viele Schüler und Studenten, die sich mit den Flüchtlingen treffen und so die Sprache üben“, sagt Theresa Ringwald. Auch Abdo Kamara sucht so jemanden. Nach vierzig Deutschstunden war für ihn Schluss mit Vokabellernen. „Mehr wurde ihm nicht bezahlt“, erklärt die Koordinatorin. Der Gambier sagt, er wolle mehr lernen. „Aber dafür brauche ich einen Paten.“ Stattdessen hat er bei den Treffen schon einen guten Freund kennengelernt. Er konnte sogar bei seiner Hochzeit dabei sein. Zusammen kommen sie regelmäßig ins Mehrgenerationenhaus. „Hier kann ich Stress abbauen, hier sind nette Leute“, sagt er. „Wenn wir alle zusammen sind, können wir die Probleme vergessen.“

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