Kirchheimer Umland

Hochbegabte musizieren für Benachteiligte

Beim Benefizkonzert „Children Help Children“ in der Kirchheimer Stadthalle brillieren junge Musiker

Kirchheim. Manch einer mag sich insgeheim gefragt haben, wie sich das zusammenreimt, dass Russland in Syrien Kinder zu Krüppeln bombt, aber nicht etwa zugunsten syrischer

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Flüchtlinge spielen lässt, sondern für Kinderkrankenhäuser im eigenen Land. Auch der Präsident des einladenden Lions Clubs, Hans-Peter Rumler, wies darauf hin, dass der Schwerpunkt auf Kinder- und Jugendhilfe liegt, und das über Grenzen hinweg gilt. So fand auch das Grußwort der Schirmherrin Elena Karaseva geneigte Ohren. Eingeladen zum Benefizkonzert hatte der Lions Club Nürtingen/Kirchheim, dessen Kontakte zu den Lions-Freunden von „Moskau Metropol international“ dieses hochrangige Musikereignis erst ermöglichten.

Der musikalische Sturm nach diesen wohltemperierten Preliminarien war von so ungeheurer Wucht, dass es einem den Atem verschlug. Ein verstörter Blick ins Programm ließ die Bewunderung fast ins Unermessliche steigen: „Allegro tempeste“, also stürmisch, sollte die einsätzige Klaviersonate Opus 28 Nr. 3 von Sergej Prokofjew vorgetragen werden. Der erst 17-jährige Alexander Zacharov erfüllte nicht nur die aberwitzigen Ansprüche mit leichter Hand, sondern zauberte einen musikalischen Sturm, der weder durch Fingerfertigkeit noch mit Lautstärke zu erreichen ist, sondern nur bei stärkster musikalische Imagination. Unerreichbar eigentlich für einen Teenager, es sei denn, er würde zu den wenigen Auserwählten gehören. Die fantastisch begleitende musikalische Betreuerin Tatjana ­Malysheva konnte einem fast leid tun, im Wechsel mit diesem Genie spielen zu müssen. Unter den Händen des jungen Russen war einmal mehr zu hören, welch unglaubliche Fülle an Klangfarben in dem Steinway Konzertflügel der Stadthalle schlummert.

Apropos Klangfarben: dass ausgesuchte Spitzenkönner auf durchschnittlichen Streichinstrumenten spielen müssten, darf man von vornherein ausschließen. Wenn aber ein Violoncello nicht nur sonor brummt, sondern gelegentlich wie eine Bratsche, ja eine Violine singt, dann gehört das schon zu den höheren Weihen des Cellospiels. Dass der 18-jährige Ivan Pshenichnikov mit solchen gesegnet ist, stellte sich im Verlauf des Abends immer mehr heraus. Hatte er mit seinem ersten Stück, dem „Schwan“ von Saint Saëns, noch die undankbare Aufgabe, ein ironisch parfümiertes Cellosolo als andächtiges Konzertstück zelebrieren zu müssen, bewährte er sich im Klaviertrio als feinsinniger Meister des Ensemblespiels und schließlich bei den Stücken von Sibelius, Brahms und Grieg als Klangkünstler, dem wir den delikatesten Klangfarbenzauber des ganzen Abends verdanken. Im „Pezzo Capriccioso“ von Tschaikowsky, eine Angstpartie selbst für Weltstars, ließ er sich nicht beirren und heimste mit diesem schweren Stück den stürmischsten Beifall des ganzen Abends ein.

Dagegen hatte es Michael Mitrifanov-Jalil ein bisschen schwerer, obwohl er sich technisch noch einen Tick besser präsentierte. Der in internationalen Wettbewerben gestählte 17-jährige Geiger blieb seinen zum Teil haarsträubend schweren Partien nichts schuldig: Perfekte Intonation, geschmackvolles Vibrato, makellose Bogentechnik, treffgenaues Präzisieren der Inhalte und in der Kammermusik geradezu dämonische Führungsqualitäten ohne jede Attitüde. Was ihm vielleicht am wenigsten gelang, war die Entfaltung seiner Persönlichkeit beim Spielen. Kein Wunder angesichts des ungeheuren Leistungsdrucks, unter dem diese höchst Begabten stehen. Disziplin jenseits der Disziplin, das müssen sie sich alle noch erkämpfen. Einen kleinen Zipfel Land haben sie dabei schon gewonnen – bei der Zugabe. Es war faszinierend, zu erleben, was für das Empfinden von Musikern höchst bedeutungsvoll ist: unmerkliches Auseinanderdriften musikalischer Vorgänge, die dann, sofort korrigiert, in neu gewonnener Freiheit erstrahlen.

Diese Befreiung vom Drill hat die erst achtjährige Geigerin Elisaveta Malysheva, ertrotzt. Wie sie, sichtlich angewidert, die „Melodie“ von Gluck begann, mit einem ihr offensichtlich anerzogenen völlig stillosen weinerlichen Vibrato, das war einfach herzerfrischend. Was sie auf ihrem Kindergeiglein zu leisten vermag, zeigte sie inspiriert und begeistert beim Violinkonzert von Jean-Baptiste ­Accolay. So wie die Kleine ihre Kindlichkeit bei aller Geigenkunst bewahrte, kann man ihr nur wünschen, dass sie sich von der Musikerziehung nicht vollständig domestizieren lässt.

Frenetischer Beifall und Standing Ovations unterstrichen diesen Wunsch nachdrücklich. Die vier jungen Menschen haben uns ein anderes, besseres Russland nahegebracht. Dass auch sie mit einem guten Deutschlandbild zurückkehren, ist bei der liebevollen Betreuung der Lions-Freunde kaum zu bezweifeln.