Kirchheimer Umland

Höher ragt nur noch die Teck am Horizont

Ein Blick hinter die Kulissen des Wasserturms im Hohenreisach

Zum Tag des offenen Denkmals öffnete auch der Wasserturm am Hohenreisach seine Pforten. Martin Dahlhaus, Netzmeister der Kirchheimer Stadtwerke, erläuterte den Besuchern die Geheimnisse des Turmes und der Wasserversorgung der Stadt.

Inmitten der Baumwipfel: Großes Interesse bestand beim Tag des offenen Denkmals an den Führungen im Wasserturm im Hohenreisach.
Inmitten der Baumwipfel: Großes Interesse bestand beim Tag des offenen Denkmals an den Führungen im Wasserturm im Hohenreisach. Foto: Gerald Prießnitz

Kirchheim. Jeder kennt das Gefühl von Heimat, das sich einstellt, wenn nach dem Urlaub eine bekannte Silhouette grüßt. Vielleicht ist es der Kirchheimer Wasserturm, der in Richtung Notzingen die Bäume am Hohenreisach überragt. Zum Tag des offenen Denkmals waren sämtliche Führungen restlos ausgebucht. „Der Wasserturm ist ein seltenes und scheinbar begehrtes Begehungsobjekt“, schmunzelte Martin Dahlhaus, Netzmeister der Kirchheimer Stadtwerke. „Normalerweise öffnen wir ihn nur für Schulklassen.“ Der Turm zählt mit 32 Metern Höhe zu den höchsten Gebäuden Kirchheims. Das „Sybille“-Hochhaus in der Aichelbergstraße mit einer Bauhöhe von 52 Metern würde ihn zwar deutlich überragen, ist aber niedriger gelegen. Durch seine Position am Hohenreisach machen dem Turm nur noch der etwas höher gelegene Wasserturm auf dem Schafhof und die Teck Konkurrenz.

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Der Wasserturm wurde im Jahr 1961 fertiggestellt. Grund für den Bau war die Tatsache, dass der gegenüberliegende Wasserhochbehälter in Notzingen mit seinem Volumen alleine nicht ausreichte, um Notzingen und Kirchheim gleichsam zu versorgen. „Man entschied sich für den Turm, da hier, 379 Meter über Normalnull, der künstliche Druck für das Wassernetz sichergestellt werden konnte“, erklärte der Netzmeister.

Der Turm speist das Gebiet vom Würstlesberg über die Kitteneshalde bis hinunter zur L 1200, dem Wanger­halden- und Schafhofweg. Die restlichen Bereiche im Kirchheimer Stadtgebiet werden über weitere Hochbehälter und dem Wasserturm auf dem Schafhof versorgt. „Kirchheim wird zu 85 Prozent von der Landeswasserversorgung gespeist. Das Wasser stammt aus dem Donauried bei Langenau“, betont Dahlhaus. Die restlichen 15 Prozent betreffen Lindorf, das mit Bodenseewasser sowie das nördliche Nabern, das mit Bis­singer Eigenwasser versorgt wird.

Der Druck der Leitung aus Langenau reicht aus, um die Wasserkammer des Turmes freilaufend zu befüllen – ohne künstliche Drucksteigerung. Die Hauptleitungen, die das Wasser über den Schurwald nach Stuttgart führen, haben einen Durchmesser von 1,50 Metern. „Einige ihrer Kinder könnten quasi von Langenau nach Stuttgart durchlaufen, ohne sich den Kopf zu stoßen“, verdeutlichte Dahlhaus. Die Leitung, die den Kirchheimer Wasserturm speist, liegt jedoch an einer der kleineren Nebentrassen mit einen Durchmesser von maximal 40 Zentimetern.

Der nächste Halt befand sich direkt unterhalb der Wasserkammer. Auf die Wände wirkt hier eine Last von rund 400 Tonnen, wenn der Behälter vollständig befüllt ist. Diese wird jedoch über die bis zu 80 Zentimeter dicken Seitenwände sowie die Mittelsäule abgefangen. Die Wasserkammer selbst kann 400 Kubikmeter Wasser aufnehmen.

Das Wasser hat eine Temperatur von etwa sechs bis acht Grad Celsius. „Diese darf nicht überschritten werden, sonst können sich Bakterien entwickeln, die das Wasser verunreinigen“, betonte der Netzmeister. Auch wenn die Sonne auf den Turm scheint, hält das Wasser seine Temperatur: Der Wasserbehälter ist isoliert und kann sich durch den „Luftausgleichsraum“ oberhalb der Wasserkammer zusätzlich regulieren. Dabei handelt es sich um eine physikalische Besonderheit: „Die Architekten haben hier so geplant, dass bei Wasserentnahme ein Luftaustausch mit dem mehrere Meter hohen Luftausgleichsraum unterhalb der Aussichtsebene entsteht, unabhängig von der Außenluft.“ So entfällt die Notwendigkeit aufwendiger Filteranlagen für Frischluft.

Auf der letzten Ebene lüftete Dahlhaus schließlich die letzten Geheimnisse des Turmes: „Über Richtfunkmasten werden von hier oben zwei Radiosender, der Digitalfunk der Polizei und der Krankenhausfunk ausgestrahlt. Auch zwei Telefonanbieter und die Netze-BW betreiben hier ihre Antennen.“ Zum krönenden Abschluss der Führung bot sich den Teilnehmern somit ein Rundumblick über Kirchheim, wie er nur selten ermöglicht wird. Die Aussichtsebene des Turms sollte 1961 ursprünglich eine tägliche Begehung ermöglichen. Durch die im Jahr 2001 verschärften Bestimmungen für die Wasserversorgung ist der Turm jedoch nicht mehr öffentlich zugänglich – außer zu besonderen Anlässen.