Kirchheimer Umland

Humor tut auch der Kirche gut

Das Kabarett-Duo „Die Vorletzten“ unterhält in der Martinskirche

Kirchheim. Die Kirchheimer Martinskirche ist trotz des herrlichen Sommerabends gut gefüllt. Die Gemeinde schaut statt auf den Altar auf

einen schwarzen Vorhang, über dem Christus am Kreuz gerade noch zu sehen ist. Die Kanzel bleibt leer. Heute ist sie nicht der Ort der Verkündigung, sondern sie geschieht vor diesem Vorhang, und das nicht nur durch einen Pfarrer, sondern deren zwei.

Es sind Peter Schaal-Ahlers, Citypfarrer in Esslingen, und Sören Schwesig, Stadtdekan von Stuttgart. Seit 2001 machen sie zusammen Kabarett, weil der Kirche Humor gut tut. Schaal-Ahlers äußert sich: „Ich meine, dass Glaube und Humor Geschwister sind. Humor stellt infrage. Humor schützt einen davor, sich selbst allzu wichtig zu nehmen. Und Humor weiß um die Vorläufigkeit all unseres Planens und Tuns.“ Zu der Predigt der humorigen Art hatte die Stiftung Martinskirche eingeladen, die, wie Dekanin Kath bei der Begrüßung verkündete, voll im Plan liegt.

Die beiden in die Rolle von Kabarettisten geschlüpften Pfarrer kündigten als Rahmenthema „Zwei in einer großen Stadt“ an, ein Programm, das sie für den Kirchentag 2015 zusammengestellt haben. In einem ersten satirischen Zugriff definierten sie vier dominierende Gesellschaftsschichten: Da gibt es die betont Konservativen, dann die kulturträchtigen, aber psychisch labilen Etablierten, dann die breite bürgerliche Mitte, die ihre Identität vor allem bei Grillfesten findet, und schließlich die Hedonisten, die ganz spontan immer ihrem Wohlbefinden frönen. Wo bleibt der geistliche Bezug? In einem Nebensatz wird jeweils festgestellt, dass die Kirche im Lebensvollzug dieser Leute keine Rolle spielt – eine deprimierende, aber erfrischend ehrliche Feststellung.

Bei der weiteren Sezierung der modernen Gesellschaft wurde der Typus Mann untersucht. Dessen „heiliger Raum“ ist der Baumarkt, in dem er Geräte kauft, die er, so weiß die Gattin, weder braucht noch unterbringen kann. Also treffen sich die Männer wieder auf der Deponie bei der Entsorgung.

Kirchliche Missstände kommen unter die Lupe bei dem Anliegen eines Dorfpfarrers, das er telefonisch der Kirchenverwaltung vorzubringen versucht. Sein Problem: Ein schwules Storchenpaar nistet auf dem Kirchturm. Er wird in verschiedene Abteilungen weiterverwiesen. Meist erfolglos, weil die Leute im Urlaub oder auf Fortbildung sind oder, wie die theologische Abteilung, wegrationalisiert ist. Schließlich bekommt er den Rat, einen „Sichtschutz“ um das Storchennest zu bauen. Kommentar des Frustrierten: Typisch württembergische Lösung. Die Harmonie wird gewahrt, weil über manches nicht gesprochen wird.

Zu Beginn des zweiten Teils trat Erich Sigel, der Erste Vorsitzende der Stiftung Martinskirche, ans Mikrofon, um Informationen zu dieser Veranstaltung zu liefern. Vorneweg: Sie ist gesponsert. Die Einnahmen fließen also direkt in die Stiftskasse. Weiterhin: Es war angestrebt, in 15 Jahren 500 000 Euro zu sammeln. Bei Halbzeit sind mehr als die Hälfte dieser Summe im Stiftungsstock. Das gilt es zu feiern, soll aber kein Anlass sein, keine Zustifter mehr zu werben oder selbst einer zu werden. Denn die Renovierung schreitet voran. Als nächste Baumaßnahme ist die Sanierung der Außenmauer fällig. Stadtpfarrer Maier nahm einen symbolischen Riesenscheck über 50 000 Euro entgegen und betonte, dass bei dieser Renovierung die Keimzelle Kirchheims ummantelt werde.

Dann waren wieder die „Zwei von der großen Stadt“ dran und philosophierten über den Stau in der „Staumetropole“ Stuttgart. Sie gaben den Ratschlag: Mach das Beste draus. Der Stau gibt Zeit, über sich nachzudenken. Aus dem Nachdenken folgen vielleicht fruchtbare Erkenntnisse.

Die beiden Seelsorger befassen sich also auch mit ganz privaten weltlichen Problemen und geben immer wieder Ratschläge für ein leichteres und glückliches Leben: Lebe nicht immer den gleichen Trott, überlege einmal, was du überhaupt tust. Die Bibel hilft, zum Beispiel mit Psalm 103, dem Lobpreis des Herren. Man ist glücklich, wenn man Glück verschenkt.

Die beiden „Prediger“ sind bestens aufeinander eingespielt. Sie bringen ihre Botschaften variationsreich in Solonummern, in Dialogen und in Liedern herüber, wobei sich der Stadtdekan als versierter Pianist erweist. Als Abschiedslied singen beide wie ein Bekenntnis „Die Gedanken sind frei.“ Dann geschieht etwas, was bei einer Predigt wohl einmalig ist: Die „Prediger“ werden um Zugaben gebeten. Es gibt noch einen Lebensratschlag: „Wenn du erkennst, dass du in einem Loch bist, dann höre auf zu graben“.

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