Kirchheimer Umland

„Ich kann nur von innen raus schreiben“

Lesung Der erfolgreiche Autor Benedict Wells gilt als Ausnahmetalent. In der Buchhandlung Zimmermann stellt er seinen neuesten Roman „Vom Ende der Einsamkeit“ vor. Von Ulrich Staehle

„Ich kann nur von innen raus schreiben“
„Ich kann nur von innen raus schreiben“

Er war in Kirchheim am Neckar gelandet und nur durch den Fahrdient von Sibylle Mockler, der Leiterin der Buchhandlung, gerade noch rechtzeitig zu Zimmermann nach Kirchheim unter Teck gekommen. So kann es gehen, wenn ein Autor, der die literarische Welt in Aufregung versetzt, auf seiner ausgedehnten Lesereise nicht München, Hannover oder Hamburg, sondern ein Kirchheim ansteuert, in dem er noch nie war.

Er ist schon eine Ausnahmeerscheinung, dieser Benedict Wells, angefangen mit seiner geradezu märchenhaft klingenden Biographie. 1984 in München geboren, lebte er von seinem sechsten Lebensjahr an in bayrischen Internaten. Anschließend studierte er nicht, sondern lebte in Berlin als Bohemien. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich mit Gelegenheitsjobs. Vor allem aber hat er geschrieben. Vier Jahre schickte er seine Manuskripte an Verlage und bekam nur Absagen. Er resignierte. Genau da kam, wie ein Wunder, vom renommierten Diogenes-Verlag die Botschaft, dass sein „Becks letzter Sommer“ gedruckt werde. Wells war gerade mal vierundzwanzig Jahre alt. Der Roman um einen Musiklehrer erschien 2008, tauchte sofort in den Bestsellerlisten auf und wurde 2014 verfilmt. 2009 erschien der autobiographische „Spinner“, 2012 „Fast genial“, beides weitere Erfolgsromane.

Entsprechend gespannt wartete das Publikum im bis auf den letzten Platz gefüllten Verkaufsraum bei Zimmermann auf den neuen Star am Literaturhimmel. Es erschien kein Star mit eitlen Manieren, sondern ein bescheiden wirkender junger Mann, der gleich den Kontakt mit seinem Publikum suchte. Das Gespräch sei ihm wichtiger als seine Lesung. Er kündigte an, drei knappe Textstellen aus seinem soeben erschienenen Roman „Vom Ende der Einsamkeit“ vorzulesen. Nach jeder Textstelle gebe es Raum für Fragen. Natürlich waren einleitende und überleitende Erläuterungen nötig, um die Textstellen in den Gesamtzusammenhang einzubetten.

Jules und seine Geschwister Marty und Liz sind grundverschieden, doch ein tragisches Ereignis prägt alle drei: Behütet aufgewachsen, haben sie als Kinder ihre Eltern durch einen Unfall verloren. Obwohl sie auf dasselbe Internat kommen, geht jeder seinen eigenen Weg, sie werden sich fremd und verlieren einander aus den Augen. Vor allem der einst so selbstbewusste Jules zieht sich immer mehr in seine Traumwelten zurück. Nur mit der geheimnisvollen Alva schließt er Freundschaft.

In der ersten Textstelle stellt Wells die Hauptpersonen aus der Sicht des Ich-Erzählers Jules vor, bevor die Katastrophe eintritt. Die Familie führt ein „normales“ Familienleben mit immer gleichen Weihnachtsfeiern und den üblichen Pubertätsproblemen der drei Geschwister. Die zweite Textpassage schildert die Verhältnisse der Kinder nach dem Tod der Eltern. Sie kommen in ein Internat. Wells konnte sicherlich auf eigene Erfahrungen zurückgreifen, wenn Jules schildert, wie er von älteren Mitschülern gequält und gedemütigt wird. Seine Geschwister kommen besser davon. Die dritte Textstelle handelt vom Wiedersehen Jules, jetzt ein Schriftsteller, mit seiner Mitschülerin Alva nach dreißig Jahren. Sie entdecken, dass sie damals versäumt haben, sich ihre gegenseitige Zuneigung zu gestehen und sie zu leben.

Eine Liebesgeschichte erzählt Wells also auch. Die beiden finden sich spät und bekommen noch zwei Kinder. Doch Alva muss an Krebs sterben. Die Verzweiflung ist nicht das letzte Wort des Autors. Das „Ende der Einsamkeit“ ist für Jules gekommen, weil die Geschwister sich wieder gefunden haben und ihr Leben auf eine gemeinsame Basis stellen.

Wells erzählt in zehn Kapiteln über nicht weniger als fünfunddreißig Jahre als Rückblende. Jules erwacht nach einem Motorradunfall aus dem Koma und erinnert sich an die Katastrophen und die Glanzlichter seines Lebens. Das rührt den Leser und nimmt ihn mit. Der Roman ist jetzt schon ein Spiegel-Bestseller und fand auch in Kirchheim nach der zweistündigen und doch kurzweiligen Lesung regen Absatz.

„Ich kann nur von innen raus schreiben“
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