Kirchheimer Umland

„Ich sehe, du schaffst das“

Christoph Miller berichtet aus seinem Berufsleben und gibt Tipps zur Unternehmensübergabe

„Seniorunternehmer stellen sich vor“: So heißt eine erfolgreiche Reihe des Bunds der Selbstständigen (BDS) in Kirchheim. Dieses Mal war die Reihe an Dr. Christoph Miller, der 32 Jahre lang die Kirchheimer Adler-Apotheke geführt hat. Sie besteht nachweislich seit 1596 und ist damit der älteste Kirchheimer Betrieb.

Kirchheim, Adler-Apotheke, Max-Eyth-Str, Rathaus30.10.10, Ruoff
Kirchheim, Adler-Apotheke, Max-Eyth-Str, Rathaus30.10.10, Ruoff

Kirchheim. Vielfältig waren die Themen, über die der äußerst agile Seniorunternehmer Christoph Miller bei seinem Vortrag zum Herbstempfang des BDS im Kirchheimer Schloss sprach: Da ging es um die Geschichte seiner Apotheke in den vergangenen 419 Jahren, aber auch um die eigene Familiengeschichte. Schließlich steht er auch in dieser Hinsicht in einer langen Reihe von Vorgängern: 1976 hatte er die Adler-Apotheke von seiner Mutter Liselotte Miller übernommen. 2008 hat er sie an seinen Sohn Daniel übergeben – der immerhin bereits die sechste Generation der Apotheker-Familie Hölzle-Miller verkörpert. Die Übergabe von Familienunternehmen war denn auch ein weiterer Punkt, von dem Christoph Miller sprach, ebenso wie die Entwicklungen in der Pharmazie.

Einen ganz schlechten Start hatte einst Johann Victor Gaupp, der die Apotheke, die seit 1676 an ihrem heutigen Standort nachgewiesen ist, im Jahr 1690 gekauft hatte – „17 Tage vor dem Stadtbrand“. Keine drei Wochen nach dem Kauf stand er also vor dem Ruin. Aber wie alle anderen, packte auch Gaupp nach dem Stadtbrand tatkräftig an, und so gehört das heutige Apothekengebäude mit zu den ersten, die nach 1690 wieder aufgebaut wurden. Geholfen hat ihm in finanzieller Hinsicht sicherlich, dass ihm ein Gericht nachträglich die Minderung des Kaufpreises um ein Drittel zugesprochen hat.

Über 130 Jahre lang hat die Familie Gaupp die Kirchheimer Adler-Apotheke, die damals noch „Untere Apotheke“ hieß, in vier Generationen geführt, bis 1821. 30 Jahre später, 1851, kaufte schließlich Christoph Millers Ururgroßvater Albert Dietrich Hölzle die Apotheke und übergab sie 1881 an seinen Sohn Albert Hölzle. Diesen beschreibt Christoph Miller als einen „großen Liebhaber der Botanik“. In eigenen Gewächshäusern habe er Opuntien gezogen und daraus einen Sirup hergestellt.

Prägend war Albert Hölzle aber auch, weil er sich den Namen „Adler-Apotheke“ ausgedacht hat. Ende des 19. Jahrhunderts sei es üblich gewesen, Apotheken mit Tiernamen zu versehen, berichtete Christoph Miller. Bereits 1904 entschloss sich Albert Hölzle, die Apotheke an seinen Bruder Edmund zu übergeben, Christoph Millers Urgroßvater, der den Staffelstab seinerseits 1930 an seinen Sohn Dr. Albert Hölzle weiterreichte.

Als Dr. Albert Hölzle 1940 starb – noch nicht 50-jährig –, wurde die Apotheke für einige Jahre verpachtet, bis seine Tochter Liselotte, verheiratete Miller, den Betrieb 1947 in Eigenregie führen konnte. Christoph Miller hat noch heute „größte Achtung vor der Leistung meiner Mutter“. Sie habe die Apotheke geführt, ihren Mann Alfred Miller, der 1945 mit 26 Jahren aus dem Krieg heimgekehrt war, bei seiner Ausbildung unterstützt und außerdem fünf Kinder großgezogen.

Alfred Miller hat übrigens selbst Arzneimittel produziert und unter dem Namen „Almisan“ (Alfred Miller Sanitas) vertrieben. Die Zeiten änderten sich aber, und mit ihnen die Gesetzgebungen. Längst schon würde es sich für Apotheken nicht mehr lohnen, selbst Arzneimittel herzustellen. Der Beruf habe sich gewandelt, der Schwerpunkt liege inzwischen mehr im kaufmännischen als im pharmazeutisch-wissenschaftlichen Bereich. Christoph Millers frühes Geschäftsmodell würde deswegen heute auch nicht mehr funktionieren: Noch als Jugendlicher hatte er Taubnesseln gesammelt, getrocknet und anschließend seiner Mutter verkauft. Heute besteht in der Apotheke kein Bedarf mehr am getrockneten Taubnesseln.

Christoph Miller kam 1976 aus Berlin, wo er an der FU promoviert hatte, als 29-Jähriger nach Kirchheim zurück, und die Übergabe verlief völlig reibungslos: „Zwei Stunden nach Beginn hat meine Mutter am Übernahmetag gesagt: ,Ich sehe, du schaffst das‘.“ Und damit hatte sie sich aus dem Geschäft zurückgezogen. Ihm selbst sei es 2008 nicht ganz so leicht gefallen, bekannte er. Aber von Anfang an habe doch gegolten, dass auch er der jüngeren Generation die volle Entscheidungsfreiheit überlässt. Sein Rat für jede Unternehmensübergabe lautet deshalb auch, dafür zu sorgen, dass der Nachwuchs „gut trainiert und ausgebildet“ wird. Und für die Zeit der eigenen Tätigkeit im Betrieb rät Christoph Miller: „Gib dein Bestes und teile dir dein Rennen gut ein.“ Das sportliche Bild vom Staffelstab hat also seine Berechtigung.

Wie geht es mit dem Beruf des Apothekers und mit der Pharmazie weiter? Nachdem schon vor 40 Jahren Registrierkasse und Bestellblock von EDV-Systemen abgelöst wurden, spricht Christoph Miller halb im Scherz von „Apps zum Bestellen und Drohnen zum Liefern“. Der Trend gehe auch dahin, mit „3-D-Tabletten-Druckern“ Medikamente „mit individuell steuerbarer Wirkstoffkonzentration“ herzustellen. Die Technik führt also letztlich zu den Ursprüngen zurück: Jeder bekommt seine Salbe und seine Tinkturen eigens angerührt. So war es schon 1596, und so wird es auch künftig sein – nur mit anderen technischen Mitteln.

Herbstempfang des BDS im Schloss Kirchheim, Dr. Christoph Miller
Herbstempfang des BDS im Schloss Kirchheim, Dr. Christoph Miller
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