Kirchheimer Umland

Ihr Name ist Programm

Wiegenfest Maria Vogelgsang kann morgen ihren 100. Geburtstag feiern. Vor sieben Jahren ist sie von Kirchheim am Ries direkt unter die Teck gezogen. Von Iris Häfner

Maria Vogelgsang dreht täglich ihre Runden im und ums Haus an der Teck. Foto: Jean-Luc Jacques
Maria Vogelgsang dreht täglich ihre Runden im und ums Haus an der Teck. Foto: Jean-Luc Jacques

Wenn man Vogelgsang heißt, scheint man offensichtlich gerne zu singen und zu musizieren. „Singen ist mein Hobby. Ich kann viele Lieder auswendig singen“, erzählt Maria Vogelgsang, die morgen ihren 100. Geburtstag feiern kann. Ihr Repertoire beschränkt sich jedoch nicht nur auf die erste Strophe, sondern nicht selten auf den kompletten Text der kirchlichen und volkstümliche Lieder. Über 50 Jahre war sie Mitglied des Kirchenchors. Sie bedauert, dass zu wenig gesungen wird. Deshalb kommt einmal im Monat ihr Sohn Georg Vogelgsang mit seiner Frau Johanna ins Haus an der Teck in Dettingen, in dem die Jubilarin seit sieben Jahren lebt.

Geboren und aufgewachsen ist sie in Schweindorf auf dem Härtsfeld, dem Geburtsort von Julius von Jan, der 1938 in Oberlenningen seine berühmte Bußtagspredigt hielt. Es ist heute noch ein kleines Dorf, mitten im Wald gelegen. Ihr Vater war Schuhmacher und Maria die Älteste von drei Kindern; sie hatte zwei jüngere Brüder. Von klein auf ging sie der Mutter im Garten und der Küche zur Hand. Nach sieben Jahren war die Schulzeit für sie beendet und sie half im Pfarrhaus mit kleinen Diensten aus. „Unser Dorf ist so abgelegen, dass ich nie daran gedacht haben, eine andere Schule zu besuchen“, sagt Maria Vogel­gsang. Der Lehrer hat alle sieben Altersstufen in einem Raum unterrichtet.

„Irgendwann wollte ich einfach ein bisschen raus in die Fremde“, erzählt die Jubilarin. Regelmäßig sind Gäste ins Dorf gekommen, und so ging sie als Haushaltshilfe 1938 nach Sillenbuch, wo sie sich nicht zuletzt wegen des Mädchenkreises recht wohl gefühlt hat. Doch nach drei Jahren baten die Eltern sie zurück. Sie wurde dringend gebraucht, weil beide Brüder in den Krieg eingezogen wurden. Ihren zukünftigen Mann hat sie damals schon aus der Heimat ihrer Mutter gekannt, der in Kirchheim am Ries lebte. Irgendwann ist eine Freundschaft daraus geworden. Die Kriegszeit über haben sie sich regelmäßig geschrieben. „Ein Vierteljahr haben wir nichts von ihm gehört, er war in englischer Gefangenschaft“, bangten Maria Vogelgsang und die Familie um sein Leben. Er kam zurück, hatte jedoch seinen rechten Arm verloren. 1946 haben die beiden dann geheiratet. „Das war die erste Hochzeit nach dem Krieg. Das war ein Fest für das ganze Dorf“, erzählt sie. Ihr Mann sollte die elterliche Landwirtschaft übernehmen. Zunächst ging das mit fremder Hilfe. „Als unser ältester Sohn 14 Jahre alt war, hat er mit anpacken müssen“, erinnert sich die Jubilarin.

Immer noch der Natur verbunden

So wurde Kirchheim am Ries zu ihrer langjährigen Heimat. Bis vor sieben Jahren lebte sie allein in ihrem Haus mit dem großen, schönen Garten. „Ich habe viel gepflanzt: Salat, Rettich, halt das Gemüse, das man so hat“, erzählt sie. Beerensträucher und Obstbäume gehörten ebenso in ihr Refugium - und natürlich Blumen. „Ich habe vielerlei Dahliensorten gehabt.“ Doch vor sieben Jahren ließ ihr Augenlicht merklich nach, und so entschloss sie sich, ins Heim zu ziehen, denn sie wollte keinem ihrer sechs Kinder zur Last fallen. Dass es schließlich Dettingen geworden ist, liegt an ihrer Tochter, Gerda Harsch, die in Ohmden lebt.

Die Verbundenheit zur Natur ist geblieben. Jeden Tag dreht sie nachmittags nach dem Kaffee mit dem Rollator rund ums Haus ihre Runden, in der gewohnten Umgebung findet sie sich problemlos zurecht, auch wenn sie fast nichts mehr sieht. Innerhalb des Hauses besucht sie die Bewohner, die nicht mehr so mobil sind - und so singt sie fast täglich mit einer 102-Jährigen. Maria Vogel­gsang kommt ebenfalls auf ihre Kosten: Eine Frau liest ihr die Tageslosung vor und der Radiosender ERF (Evangeliums-Rundfunk) ist ihr täglicher Begleiter. „Ich kann selbst nicht glauben, dass es 100 Jahre sind“, sagt sie, auf ihr Alter angesprochen.

Morgen gehört der Hirsch in Schlattstall einschließlich des Saals ihr und ihrer Familie. Die Musik wird bei den Vogelgsangs selbstverständlich selbst gemacht - auch mit Instrumenten. Neben den sechs Kindern wollen die 19 Enkel und 13 Urenkel kommen. Allein im Sommer und Herbst sind drei dazugekommen. „Beide Jahrgang 17“, hat die junge Mutter auf die an die Oma adressierte Geburtskarte geschrieben.

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