Kirchheimer Umland

Im Nachthemd den Winter vertreiben

Fasnet Mit dem Hemdglonkerumzug geht‘s in Notzingen dem Winter an den Kragen. ­Lärmend ziehen Jung und Alt durchs Dorf und haben Spaß. Von Thomas Krytzner

Der Hemdglonkerumzug soll den Kindern die Angst vor Masken nehmen. Fotos: Thomas Krytzner
Der Hemdglonkerumzug soll den Kindern die Angst vor Masken nehmen. Fotos: Thomas Krytzner

Normalerweise dauert der Winter noch bis zum 20. März. Und normalerweise sieht man am frühen Abend keine Menschen in Nachthemden durchs Dorf marschieren. Aber was ist in der fünften Jahreszeit schon normal. Der Brauchtumsverein Gesinde Schlaichingen - ein untergegangener Ort, bei Notzingen und Wellingen gelegen - lud die Bevölkerung zum Hemdglonkerumzug ein. Einerseits zum Trost, weil der große Fasnetsumzug wegen Baustellen ausfallen muss, und andererseits, weil die Hästräger und Geißelchlöpfer genug vom Winter haben.

Fast könnte man denken, die Notzinger Narren haben da einen uralten Brauch aus dem Nachbarland Schweiz übernommen. Dort wird in bestimmten Orten nämlich am Schmotzigen Donnerstag in der Früh die „Chesslete“ zelebriert. Im Nachthemd, Zipfelmütze und rotem Schal geht es dort auch laut dem Winter an den Kragen.

In Notzingen ist es anders. Denn: Die Hästräger, Organisatoren und die Bevölkerung treffen sich um 18.18 Uhr bei der Kelter. Eine große Schar kommt denn auch im Nachthemd, mit Schlafkappe oder Schlafhaube, bestückt mit Lärminstrumenten. Ob Kuhglocke, Rätsche, Geschirr oder dem Überbleibsel der Fußball-WM in Südafrika, der Vuvuzela, spielt keine Rolle, Hauptsache es ist laut. Dann setzt sich der bunte und seltsam anmutende Tatzelwurm in Bewegung. Zur Verstärkung hat der Brauchtumsverein die Belzebuaba und Sichel-Hexa aus Sielmingen eingeladen, und aus Lenningen kamen die Hexen zur Austreibung des Winters.

Die schrecklich schönen Gestalten mischen sich unters Fußvolk und sorgen mit ihren Masken bei den Kindern für Begeisterung. Doch die Jüngsten haben gar keine Zeit, die schönen Häs und Larven länger zu betrachten, sie sind damit beschäftigt, zu lärmen oder die Narrenrufe „Stech zu - Zünd an“ und „Narri Narro“ nachzuschreien. Und die Teilnehmer des Umzugs sind erfolgreich. Denn: Kurz bevor sich die Narren in Notzingen trafen, bäumte sich der Winter noch mal auf und zeigte die wilde und kalte Seite. Aber die Fasnächtler haben Glück - während dem Zug durchs Dorf hält sich der Winter zurück, und wenn man die Wetterprognose anschaut, hat er wohl genug von der närrischen Zeit und überlässt milderem Wetter das Feld. Zwei Zeichen setzen die Narren in Notzingen: Die gelbe Schelle der Sichel-Hexa aus Sielmingen ist Symbol für die Fasnet ohne Gewalt, und wie es Gesindeschreiberling Svenja Röhr beschreibt: „Der Hemdglonkerumzug soll vor allem Kindern die Angst vor den Masken nehmen und für alle eine riesen Gaudi sein.“

Nach dem Umzug durchs Dorf kam die Pause bei "Uschi" gerade richtig. Foto: Thomas Krytzner
Nach dem Umzug durchs Dorf kam die Pause bei "Uschi" gerade richtig. Foto: Thomas Krytzner
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