Kirchheimer Umland

Immer mehr Betriebe geben auf

Landwirtschaft In Roßwälden hat ein weiterer Milchvieh-Halter seine Stalltüren für immer geschlossen. Ein Kollege setzt auf Melkroboter, Milchautomat und Eis. Von Helga Single

Ich wirtschafte nicht mehr rentabel, für Investitionen fehlt der Platz“, sagt einer der letzten Milchvieh-Halter im Ortskern von Roßwälden, dem größten Teilort von Ebersbach. Im Juni hat er seinen Betrieb eingestellt, seine vier Kinder arbeiten in anderen Berufen. Der Bauer folgt einem Trend, der in ganz Europa festzustellen ist und nicht mehr aufzuhalten scheint. Nach Erkenntnissen einer Agrarstrukturerhebung des Deutschen Bauernverbands aus dem Jahr 2016 nahm die Zahl der produzierenden Betriebe von 2010 bis 2016 um acht Prozent von 216 000 auf 198 720 ab.

Die Betriebe sind stark von der Agrar- und Handelspolitik beeinflusst. Globale Entwicklungen wirken unmittelbar auf den Milchpreis und stellen die Branche vor Herausforderungen. „Italien hat vor Corona viel Milch abgenommen, das ist seit Corona regelrecht eingebrochen“, sagt der Kleinbauer. „Dann bleiben wir drauf sitzen. Es gab Zeiten, da haben wir nur 40 Cent pro Liter bekommen. 45 Cent sollten es schon sein, damit es sich lohnt.“ Seinen Betrieb hat er in den 1950-er Jahren vom Vater übernommen. Inzwischen sei sein Anwesen innerorts zu klein, um rentabel genug zu wirtschaften und die Ställe seien nicht mehr zeitgemäß. „Die Arbeit ist intensiv und körperlich schwer. Urlaub ist schwierig und einen geregelten Achtstundentag gibt es nicht“, sagt er.

Im Zuge der Flurbereinigung in den 1950-er Jahren in Baden -Würt­temberg siedelten vielerorts die landwirtschaftlichen Betriebe aus den beengten Verhältnissen im Ort ins Umland des Dorfs. Die Haltung von Wiederkäuern ergab sich oft zwangsläufig, weil der undurchlässige Lehmboden für Weideland am besten geeignet war. In Roßwälden siedelten acht Höfe aus, vier sind noch im Vollerwerb. Die anderen werden hobbymäßig betrieben oder haben aufgegeben. Zwei von ihnen betreiben Milchwirtschaft. 1950 waren es noch 61 Bauern mit 160 Stück Kühe, danach nahm die Zahl der Höfe kontinuierlich ab. Im Jahr 2000 gab es noch acht Bauern mit 100 Milchkühen.

Heute sind zwei Vollerwerbsbetriebe mit Milchvieh geblieben. Einer davon ist der Hof von Familie Zwicker, wo drei Generationen Hand in Hand arbeiten. Sie setzen auf Milchvieh-Haltung und Fleischproduktion. 20 Prozent ihrer 70 Kühe ziehen sie selber auf. Vor elf Jahren haben sie rund 120 000 Euro in einen Melkroboter investiert. „Ein großer Gewinn an Lebensqualität“, wie Seniorbauer Walter Zwicker findet. Mehr Kühe würden einen zweiten Roboter benötigen. Doch das kann der Familienbetrieb nicht stemmen. Sein „Deutsches Fleckvieh“, wie seine Rasse heißt, bewegt sich frei in Großraumboxen und steht Schlange zum Melken. „Im heißen Sommer lassen sich die Kühe gern nachts melken, weil sie am Tag ruhen“, sagt Walter Zwicker. Seine Milch ist in „Landliebe“ und wird nachts mit einem Tanklastzug abgeholt. Trotz Roboter beträgt die Wochenarbeitszeit oft 80 Stunden, die Wochenenden und Feiertage nicht mitgezählt.

Mit dem Milchautomat, an dem der Verbraucher selbst Milch zapfen kann, und mit der Vergrößerung der Eisproduktion will die Familie neue Wege beschreiten. In der Gesellschaft verspüre er manchmal einen Hang zur Romantik, was jedoch nicht praktikabel sei, denn sein Betrieb funktioniere wie ein Unternehmen in der Wirtschaft. Die vielen Betriebsaufgaben von Kleinbauern sprächen für sich. Wünschenswert aus seiner Sicht: dass der Verbraucher die Arbeit und Waren der Landwirte wertschätzt, denn „Qualität gibt es nicht zum Nulltarif“.

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