Kirchheimer Umland

In sieben Tagen um die halbe Insel

Birgit Zimmermann aus Kirchheim hat einen 2 100 Kilometer langen Radmarathon in Irland bewältigt

In sieben Tagen um die halbe Insel
In sieben Tagen um die halbe Insel

Kirchheim. Treten, treten, treten. Bei Regen und bei Wind, bei Tag und in der Nacht. Steile Pässe hinauf und wieder hinab. Durch menschenleere Landschaften und kleine Küstenorte hindurch, manchmal 26 Stunden am Stück. „Es ist faszinierend, wie ein Körper die Hebel umlegen kann“, sagt Birgit Zimmermann. Die 55-Jährige aus Lindorf hat den „Wild Atlantic Way Audax“ bewältigt, ein internationales Ultra-Langstreckenrennen für Rennradfahrer. Es startet im Süden Irlands in Kinsale und führt an der Westküste entlang ins nordirische Derry. Sieben Tage und sieben Stunden haben die Teilnehmer Zeit, um gut 2 100 Kilometer und mehr als 18 500 Höhenmeter zurückzulegen. Das ist ungefähr so weit wie von Kirchheim nach Santiago de Compostela und ein Höhenunterschied, der etwa zwei Mal dem Mount Everest entspricht.

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Viel Zeit zum Schlafen bleibt da nicht. „Der Kampf gegen die Müdigkeit war die größte Herausforderung für mich“, erzählt Birgit Zimmermann. Zwar ist es die Postbotin – die auf dem Kirchheimer Würstlesberg seit 30 Jahren Briefe und Pakete zustellt und vor Dienstbeginn noch den Teckboten austrägt – gewöhnt, mit wenig Schlaf auszukommen. Aber bei der Tour waren mehr als drei Stunden pro Nacht für sie nicht drin. Einmal musste sie ganz durchfahren, um rechtzeitig am nächsten Kontrollpunkt anzukommen. „Wenn man müde ist, wird man langsamer und fährt Schlangenlinien. Manchmal muss man sich einfach am Straßenrand für ein paar Minuten ins Gras legen“, sagt sie und fügt hinzu: „Immerhin bin ich nicht im Sattel eingeschlafen.“ Andere dagegen schon: Immer wieder musste der Veranstalter Radler von der Straße klauben.

Rechtzeitig ins Ziel geschafft haben es 35 von 55 Teilnehmern, davon alle vier Frauen. Manche Radfahrer hatten Probleme mit der Ausrüstung, bei anderen streikte der Körper. „Mir ging es außer der Müdigkeit richtig gut“, blickt Birgit Zimmermann zurück. Das stabile Alu-Rennrad tat seinen Dienst, für das Navi, das nach zwei Tagen Dauerregen den Geist aufgab, hatte die 55-Jährige ein Ersatzgerät im Gepäck. Hastig gelöffelte Baked-Beans-Dosen verarbeitete ihr Magen klaglos und eine Spezialcreme schützte ihr Gesäß. Ein paar kleinere Zipperlein wie Knieschmerzen und taube Fußsohlen wischt die Kirchheimerin weg. „Das wird schon wieder“, sagt sie lachend.

Eine gewisse Leidensfähigkeit allein reicht noch nicht aus, um eine solche Strecke zu bezwingen: „Man braucht Durchhaltevermögen und darf möglichst wenig Selbstzweifel haben“, sagt Birgit Zimmermann. Ein spezielles Training absolviert sie im Alltag nicht: „Ich nehme bei Nutzfahrten lediglich das Rad statt dem Auto“, verrät sie. Außerdem fährt sie seit einigen Jahren im Rennrad-Nationalteam der Post mit.

Profitiert hat die Kirchheimerin in Irland von ihrer Erfahrung. „Das war mein vierter großer Radmarathon.“ Vor vier Jahren startete sie zum ersten Mal auf der Ultra-Langstrecke, beim Klassiker London – Edinburgh – London mit über 1 400 Kilometern in fünf Tagen. Im Jahr drauf folgte das irische Míle-Fáilte-Rennen mit 1 200 Kilometern und im vergangenen Jahr Hamburg – Berlin – Köln – Hamburg mit 1 500 Kilometern. „Aber das jetzt war das allerschönste Rennen. Es hat richtig Spaß gemacht und war toll organisiert“, schwärmt die 55-Jährige, die der Grünen Insel seit ihrer Jugend verfallen ist. „In vier Jahren bin ich wieder dabei“, kündigt sie an.

Bis dahin hat Birgit Zimmermann aber noch viel vor. „Nächstes Jahr nehme ich wieder an London – Edinburgh – London teil“. Und für 2019 steht ein neuer Höhepunkt an: „Ich fahre bei Paris – Brest mit.“ Dass sie einmal bei dem wohl berühmtesten Langstrecken-Radrennen dabei sein würde, hätte sie nicht geglaubt. Denn es gibt strenge Qualifikationsvorgaben. „Die hätte ich aus Zeitgründen nie geschafft.“ Die 2 100 Kilometer durch Irland haben ihr die Tür nun jedoch ganz unverhofft geöffnet: „Wer so was mitgefahren ist, muss sich nicht mehr extra qualifizieren.“

Wie alle, die solche Distanzen zurücklegen, wird auch Birgit Zimmermann immer wieder auch auf das berüchtigte Extrem-Rennen Race Across America angesprochen, das fast 5 000 Kilometer quer durch die USA führt und Wüsten ebenso beinhaltet wie schneebedeckte Gipfel. „Einerseits würde mich das schon reizen“, gibt sie zu, „Aber andererseits halte ich nichts von Rennen, bei denen man ein Supporter-Team braucht, mindestens 30 000 Euro investieren muss – und dann noch ständig ein Auto hinter einem herfährt.“ Im Übrigen ist die Wüste auch nicht ihr Ding. „Dann lieber tagelang allein bei Regen und Wind durch Irland fahren“, sagt die 55-Jährige und strahlt.blh

Ob durch heimische Kornfelder oder an der irischen Küste entlang: Birgit Zimmermann ist leidenschaftliche Radlerin. Über einen P
Ob durch heimische Kornfelder oder an der irischen Küste entlang: Birgit Zimmermann ist leidenschaftliche Radlerin. Über einen Pokal konnte sie sich freuen, nachdem sie die 2¿100 Kilometer beim Wild Altantic Way Audax in den vorgeschriebenen sieben Tagen und sieben Stunden bewältigt hatte. Fotos: Carsten Riedl/ privat