Kirchheimer Umland

Insektenschutz braucht nicht nur Geld

Natur Mit einem 36 Millionen Euro schweren Sonderprogramm will die Landesregierung die Biodiversität fördern und dem Insektensterben entgegenwirken. Doch an dem Vorhaben gibt es Kritik. Von Daniela Haußmann

Auf den Wiesen ist es ruhig geworden. Laut Suad Babahmetovic tragen Agrargifte ihren Teil dazu bei.Symbolfoto:  Dieter Ruoff
Auf den Wiesen ist es ruhig geworden. Laut Suad Babahmetovic tragen Agrargifte ihren Teil dazu bei.Symbolfoto: Dieter Ruoff

Auf den Wiesen rund um Kirchheim ist es laut Suad Babahmetovic still geworden. Wo es vor 20 bis 30 Jahren noch summte und brummte, sind Schmetterlinge, Wildbienen und Spinnennetze, die benetzt vom Tau im morgendlichen Sonnenlicht funkeln, selten geworden, wie der Biotop- Obmann der Jägervereinigung Kirchheim feststellt. Dass die Landesregierung für die nächsten zwei Jahre ein 36 Millionen Euro schweres Sonderprogramm aus der Taufe gehoben hat, um dem Insektensterben entgegenzuwirken, begrüßt er. „Entscheidend ist aber, dass die agrarpolitischen Rahmenbedingungen so verändert werden, dass das Geld sinnvoll ankommt“, sagt Babahmetovic.

Die Schaffung, Aufwertung und Verbindung von Biotopen und das Ziel in der Landwirtschaft, für mehr Grün zu sorgen, ist für den Jäger gut und schön. Doch: „Das Hauptproblem des Insektensterbens - die Agrargifte - ist damit nicht aus der Welt“, findet Suad Babahmetovic. Im Rahmen der Allianz für Niederwild verstreut er um Kirchheim Blühmischungen auf Ackerrandstreifen. „Doch kommt Chemie zum Einsatz, sterben Insekten ab“, so der Jäger.

Wenn Lebensräume zusammenbrechen, tauschen sich Insekten weniger aus, und die hohe genetische Vielfalt verarmt, gibt Professor Johannes Steidle vom Zoologischen Institut der Uni Hohenheim zu bedenken. Das wiederum wirkt sich nachteilig auf die Anpassungsfähigkeit aus. Dass dieser Zusammenhang Populationen anfälliger für Umweltveränderungen macht und zum Aussterben von lokalen Arten führen kann, liegt für den Forscher damit auf der Hand. „Deshalb ist es wichtig, dass Ausgleichsmaßnahmen für Bauprojekte genau dort erbracht werden, wo Eingriffe in Natur und Landschaft erfolgt sind, und nicht zig Kilometer entfernt“, sagt Suad Babahmetovic.

Der Jäger plädiert für die Wiedereinführung der Flächenstilllegungen in der Landwirtschaft. „Selbstbegrünte oder mit standortangepassten Kultur- und Wildpflanzen angesäte Felder sind ideale Lebensräume für viele Tier- und Pflanzenarten, wie Ackerwildkräuter, Insekten und Vögel“, berichtet Suad Babahmetovic. Bauern, die ihre Flächen für ökologische Projekte bereitstellen, sollten seiner Meinung nach eine Prämie erhalten. „Es ist leicht, mit dem Finger auf die Bauern zu zeigen, wenn politisch nichts unternommen wird“, betont Babahmetovic. Bestes Beispiel sei der Energiepflanzenanbau.

Für die vergangenen fünf Jahre verzeichnet das Bundesagrarministerium beim Biogas-Mais einen Flächenzuwachs von 194 000 Hektar. Der Anbau von Energiepflanzen ist laut Jochen Goedecke mit Biodiversitätsverlusten verbunden. Die engen Fruchtfolgen bieten Insekten und Vögeln nur wenig Abwechslung, obwohl es mit Biogas-Wildpflanzen eine gute Alternative gibt, wie der Experte vom Nabu Baden-Württemberg betont. Der Boden leidet unter der Monokultur. Bis auf solchen Flächen wieder artenreiche Blumenwiesen gedeihen, ziehen Goedecke zufolge gut zehn Jahre ins Land.

„Inwiefern oder wie hoch der Beitrag der Landwirtschaft und der Einsatz von Insektiziden am massiven Rückgang von Insekten beteiligt ist, wurde noch nicht geklärt“, stellt Timo Briem fest. Der Vorsitzende des Kreisbauernverbandes Esslingen betont, dass der kreisweite Energiepflanzenanbau überschaubar ist. Aus seiner Sicht ist er „für die Umwelt nicht schlechter oder besser, solange eine Fruchtfolge stattfindet“.

Der Nabu-Landesverband verweist auf 23 wissenschaftliche Studien allein aus dem deutschsprachigen Raum, die den Insektenrückgang belegen. Es handelt sich dabei um Langzeitstudien, die zum Teil eine Zeitspanne von über 200 Jahren abdecken.

Info Der Bundesbauernverband sieht beim Insektenschutz auch die öffentliche Hand in der Pflicht. Der Lebensraum von Insekten gehe verloren, wo Wiesen unter Asphalt verschwinden. Der Kreisbauernverband Esslingen betont, dass der „Flächenverbrauch durch die kommunale Bauleitplanung und vor allem durch Infrastrukturvorhaben extrem hoch“ ausfällt. Beispiel dafür: die ICE-Trasse und das in Bissingen geplante Gewerbegebiet.

„Die Politik muss mehr tun“

Jochen GoedeckeFoto: pr
Jochen GoedeckeFoto: pr

Region. Jochen Goedecke ist Referent für Landwirtschaft und Naturschutz beim Nabu Baden-Württemberg. Was hält er vom Erhalt von Dauergrünlandflächen wie Wiesen und Weiden?

Herr Goedecke, früher gab es in der Landwirtschaft Flächenstilllegungen, heute ist das Greening in aller Munde. Nutzt es in seiner aktuellen Form tatsächlich der Biodiversität und damit Insekten?

Jochen Goedecke: Der Staat fördert mit Steuergeldern das Greening und bekommt dafür unter dem Strich nur eine geringe Gegenleistung in Form von Artenvielfalt zurück. Das belegt auch eine Zwischenbilanz zur Agrarpolitik. Es gibt schon eine Reihe von Greening-Maßnahmen, die die Biodiversität fördern. Dazu zählen beispielsweise Randstreifen und Brachland. Der Anbau von Zwischenfrüchten oder Stickstoff-Fixierern nutzt der Artenvielfalt wenig. Ausgerechnet diese Varianten werden von den Bauern favorisiert. Generell lässt sich feststellen, dass mit dem Greening nicht nur die Ziele zum Erhalt der Artenvielfalt, sondern auch die selbst gesteckten Ziele der EU zur Biodiversität nicht erreicht werden.

Die Landwirte treffen aber lediglich rationale ökonomische Entscheidungen im Rahmen politischer Vorgaben und versuchen dabei, ihre Risiken zu minimieren.

Goedecke: Natürlich ist der Anbau von Zwischenfrüchten oder Stickstoff-Fixierern attraktiv, weil er sich einfach und vergleichsweise kostengünstig umsetzen lässt. Randstreifen und Landschaftselemente, wie zum Beispiel Hecken oder Feldgehölze, sind dagegen teurer und aufwendiger zu pflegen. Mitunter sind dabei auch organisatorische Hürden zu überwinden - etwa, wenn sich eine Hecke über die Flächen von mehreren Pächtern zieht.

Sprich, der Steuerzahler finanziert ein teures, ineffizientes System, dessen teils negative Folgewirkungen wieder mit Steuergeldern kompensiert werden müssen. Ist das so?

Trotz Greening und ökologischen Vorrangflächen ist die Artenvielfalt in der Agrarlandschaft stark zurückgegangen. Die Politik muss, wenn sie die Biodiversität zugunsten von Insekten und anderen Lebewesen nachhaltig fördern will, mehr tun, als ein 36 Millionen Euro schweres Sonderprogramm auflegen, das bestehende Strukturen stärkt. Aktuell erhalten beispielsweise auch tierhaltende Großbetriebe Fördergelder, die für die dabei anfallenden stickstoffhaltigen Wirtschaftsdünger viel zu wenig eigene Flächen zum Ausbringen der Gülle haben. Das kann zu einer starken Belastung des Grundwassers führen, dessen Reinigung dann wieder der Steuerzahler übernehmen muss. Bei der Zulassung und der Verwendung von Pestiziden werden die Lebensgrundlagen von Insekten, wie zum Beispiel Wildbienen, eindeutig zu wenig berücksichtigt. Die Steuergelder müssen so eingesetzt werden, dass die Artenvielfalt, der Boden und auch das Grundwasser geschützt werden.Daniela Haußmann

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